Montag, 6. Mai 2019

Aus 2001

Images,
(Nb. 2019: Wer dachte an hinterlüftete Fassaden?)

Die Geste des Triumphs, wertvoller als der Triumph. Die Geste der Verzweiflung: erhaben. Du winkst mir von fern bedeutend und deine Braue wölbt sich über einer Eiszeit-Höhle.

Wir begegnen uns in durchdesigneten Glaspalästen sehr geehrter Damen und Herren. Sie geleiten uns in authentischer Freundlichkeit in eine Geisterbahn der Gesten.

Strassen der Macht

Auch die Republik ist stets gefährdet: Mehr Freiheit will nicht nur der Bürger, auch die Willkür der Clique, mehr Ordnung will nicht nur der besorgte Bürger, auch der Lynchmob. Alle, die den Austausch von Meinungen in Räten und Parlamenten für Gequatsche halten.

Ich habe einen Tagtraum:

Ich bin wieder auf den Strassen der Macht. Die Anmaßung kommt mir entgegen. Mit Gefolge. Catilina, die Ratte und der Feigling Cäsar. Ich beiße mir auf die Lippen und gehe zur Seite.

Am Abend treffe ich Dich mit Deiner Freiheit.

Und wir gehen den Weg, der uns gehört und allen. Und wenn die Clique kommt, stehen wir fest. Wir spüren, wie mit der Zustimmung der Ungefragten das Recht wächst und die Freiheit. Der Spuk vergeht.

Dem Tag folgt die Nacht.
Aber der Nacht folgt der Tag  .            .

Hellblauer Himmel,

ein Strauch bietet Cluster von roten Beeren, eingetaucht in Licht. Die Kälte zwickt an den Ohren: Hallo, Klaus! Ich, die Welt, bin auch noch da!

Ein Kopf voll sperriger Projekte, ein Bauch voll Musik, gehe ich weiter und weiter , fern von mir, mich beobachtend.

Ist es nicht schön, Ihr Dichterinnen und Dichter, die Welt in Worte zu gießen, Essenzen von blau, rot und Licht, Ihr Philosophinnen und Philosophen, die Nebel des Ungewissen in kühlem Urteil aufzulösen.

Es ist auch schön, das Gewicht des Körpers in den Füssen zu spüren, Dich selbst in der Berührung und im Widerstand einer körperlichen Arbeit.

Und das Fließen, Ein- und Ausatmen von Denken und Wollen im Gespräch.

So gehen wir und kommen. Kommen und gehen...

Frühjahrsdepression

Vor mir der Tage graue Strasse.
Der Himmel nasse Hoffnungslosigkeit.
Des Gestern aufgetürmte Masse,
leer geht das Heute in die Zeit.

Was ich erhoffte von der Morgensonne
Und wärmer trug im Abendlicht,
dass Freude unter Menschen wohne,
ich seh es nicht.

Christof,

ich sehe deine Kupferschmied-Ungetüme aus „unserer“ Zeit. Du lebtest dein, ich mein Leben. Der Wirt dieses Hauses kaufte und half dir zu einer schmalen Strecke Selbstbewußtsein. Schon lange bist du tot. Aber deine Kupfer-Reklame,- hast du vor Stolz vibriert oder verächtlich gelacht (wie gleichgültig es heute ist!)?- ,sie erwärmt meine Erinnerungen. Ich bin nicht mehr helfen wollender Partisan, nur ängstlicher Veteran mit zu großer Klappe. Dich hat eine große Sehnsucht an Heilung gehindert. Die Erinnerung an dich und andere wird mir die Sehnsucht warm halten. Das wäre doch was: wenn Du an meiner Stelle hier säßest und mit großer, großer Klappe für eine bessere Welt Kupferschmied und Genie-Reklame machen würdest.-

Körperformung durch Wickeltechnik

Die AZ vom 5.5.01 schreibt: „Der Morgennebel legt sich auf die Schafhäuser Felder und die Masten stehen stramm Spalier. Im Zwielicht scheint es, als fließe Strom direkt aus dem Himmel, um Rheinhessen mit Energie zu versorgen...Treibt eine Diebesbande aus Osteuropa wieder ihr Unwesen in der Alzeyer Region? Die Polizei vermutet, dass eine nächtliche Einbruchserie auf das Konto einer solchen Gruppierung geht.“

Jetzt ist es wieder gut gefüllt.
Autofahrer, dagegen, „stehen fassungslos an den Zapfsäulen“. Sprit 2,20 DM.

1.Mai 2001

Die Dichterin Hella Bausch und der Arbeitslosenvereinsarbeiter Toni Kopf, beide ein Leben der tapferen Solidarität am unteren Rand der Einkommensgesellschaft führend, hören am ersten Mai erstmals das Polizeiorchester spielen. Bisher war der katholische Posaunenchor Tradition, der-Gott sei Dank?- auch nicht die Internationale spielte. Aber in diesem Jahr gibt es selbst die „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ nicht mehr. Ich würde auch nicht mitsingen, denn verdi ist mir zu sehr Konzern, als dass ich neben Macht auch noch Solidarität hören könnte. Gehobene Klassik am Sektstand. Die Anstecknadeln haben in diesem Jahr etwas Glattes von Profi und Routine.

Das Verhältnis Volk zu Funktionären ist auf diesem Platz bei diesem herrlichen Wetterchen nun gänzlich zu Gunsten letzterer umgeschlagen, weil man wohl doch glaubt, dass überall die gleichen Betriebswirte bestimmen. Da hilft es nicht, dass die Worte etwas schärfer sind als in den Jahren der indirekten Rede. Etwas mehr starker Staat zur Regulierung und etwas mehr Solidarität. Schimpfe gegen den Edelkanzler, ein einziges -erstes- Spontanflugblatt eines Arbeitslosen macht die von Staunen erregte Runde. (Das mit den Arbeitslosen klingt doch sehr nach Wirtschaftsbossen. Macht das das vierschrötige Kanzleramt? Wer hat schon wieder die roten Dessous verschlampt? Bleibt nur die -etwas große- deutsche Unterhose? Das sind Streifen nicht schwer zu begreifen, sind wir doch alle nur , ob über oder unter Menschen: Menschen.)

Da sind: Innenminister, Landrat, Bürgermeister, Verbandsbürgermeister. Der Bürgermeister und frühere Lehrer (wer darf froh sein?) versucht Beifall für einen einsamen Monolog  zu erhalten. Ohne Zweifel ein Sozialdemokrat. Aber Chef muß sein.

Der Wille zur Macht ist dem Röhrenblick eines panischen Philosophen zu verdanken. Auf ihn traf er zu, mit ihm wollte er den ihm minderwertigen Willen zum Leben des weisen Arthur Schopenhauer auf eine imposante Stufe stellen. So erfand er den Übermenschen, die Vorstufe zum Affen. Immer wird es  Monologe geben und dagegen die Autonomie von Gesprächen, Mikrophone und dagegen den frischen Wechsel von Rede und Gegenrede in den Gesprächen des einander Zuhörens.

Ich bin aber auch immer unzufrieden. Auch ich wäre mit mir zufriedener, wenn ich zufriedener wäre. Ich erwarte mehr und immer noch mehr Achtung vor dem Einzelnen. Das kommt heute eher aus der Kirche, die über den Gedanken von der göttlichen Autonomie der Gläubigen Menschenwürde und Solidarität gelernt hat und deshalb von Sekten und scharfen In-Pressure-groups angefeindet wird, mit dem Ziel, sie in eine Zwingburg des Fühlens zurückzuverwandeln. Alle Herzlosen treten an, aus dem Seufzen vom Kreuz her einen Exorzismus gegen die Autonomie des Menschen zu machen. Aus dem Glauben an die Liebe ziehen sie Hass. Kinder ohrfeigen, Muttertag, Todesstrafe und Erleuchtung durch einen Herrn, der dies immer ablehnte, denn er wollte Freund, das ist: Bruder, sein.

Er sagte Caritas, sie wollten Charisma. Weil er nicht Übermensch, nur Mensch sein wollte, mußte er ans Kreuz.-

Was wohl der Millionär denkt, der da so lustig um die Erde fliegt? In Zeiten einer stolzen Republik wäre statt eines Finanzmanns ein Politiker der erste Gesandte im schwarzen Vakuum gewesen. (Gar eine Sozialhilfeempfängerin ist - warum wohl?- nicht denkbar.) Der Millionär freut sich über den erfüllten Lebenstraum und eifrig lächeln die Minister der StaatsGmbH und Co KG. Die Konkurrenz schabt sich. Ein warmes Gefühl der steuerlichen Absetzung und der Public Relation muß sich hier und nun aber unausweichlich mit dem Spott von Kosmonauten bekannt machen. Abschätziges Grinsen hinterm Helm, übler Scherz in fremder Sprache, Lachen. Er hat doch hoffentlich schon bezahlt, nicht dass etwa Steuerfahndung den Count-Down auf Konkurs stellt.

Auch er war Kind, sah den Himmel über sich. Oft war der andere einer Nobelkarosse dazwischen. Auch hörte er die Gesänge der Frühlingsvögel. Oder war es das Juxen von Hausdamen? Er mußte nicht mit anhören, wie sich die Alten über zu wenig Geld zum Leben(=X) stritten. In fernen Weltenräumen stritten sie wohl über zu wenig Geld für Y. Wollte er dorthin oder nur weg? Hoch über den Menschen sein? Das will auch manche/r Arme/r. Dieser/m würde es allerdings genügen, dort anzukommen, wohin zu stürzen sich jener „Tito“ fürchtet.

Die Erde von fern sehn: nach einer Stunde wird es langweilig. Es ist ja keine japanische Mondanschauungs-Party mit feinsten Nervenerzitterungen, sondern Verlust von Erde unter deinen Füßen und von menschenerfüllter Welt um dich herum. Du öffnest die Augen. Aber hinter dem Fenster geht keine Sonne über einem Meer von Leben, Stimmen, Farben, Sehnsüchten, Leiden und vielen kleinen spitzen Freudenschreien und Seufzern auf. Nur ein ins Nichts gleißendes Licht als einziges eintöniges Wort, das nur sagt, nichts antwortet. Wie viel Vorstellungskraft brauchst du, um über die fliegende Gefängnishaut hinaus zu fühlen? Stell dir vor: die Bild und Tonübertragung fällt aus.-

Auch uns ist die Einsamkeit bekannt, auch in liebevollen Zeiten. Wir verlieren sie, aber alsbald steigt sie aus guten Nächten wieder auf, Wolken der Depression regnen über Nebenhöhlen aus. Wer kann sich in einen Millionär versetzen, dessen schrecklichste Vorstellungen gleichbleibendes Einkommen und Finanzamt sind, wer in eine Unterstützungs-Abhängige, deren größtes Glück das Erreichen unseres Not- oder Ärgerstandes wäre? Wir alle sind von -für manche leider, leider- gleicher Bedeutung, die vom Standpunkt der Weisen einmal winzig, einmal ungeheuer ist. Laßt doch Alle den Anblick der Welt von Sojus aus genießen und mich vom Café‘-Tisch aus.

Die Physiker lauschen. Hast du auch schon das Echo des Urknalls gehört? Es soll kein hohes Wimmern, eher ein Wummern sein. Eine Art Ommmmh.

Wenn man seine Kinder in eine anthroposophische Schule schickt, ich sag dir: Eurhythmie!... In drei Leben von Äther-, Astral- und Ich-Leib meditieren hilft nicht immer so schnell wie Aspirin. Aber es gibt so ein leuchtendes Gefühl von Seelenformung durch Wickeltechnik.

Ein Wunder, das Leben erleben zu dürfen! Und erst, sich mit einer kritischen Vernunft aus den klammen Schlafsäcken nächtlicher Räusche zu wickeln...

Wandlung

Das esoterische Kathreinerle dreht meinem lange aus den Augen verlorenen Freund die Luft ab. Er glaubt, die Stimme Gottes zu sein.

Er war etwas ideologisch, sonst aber konsequent Anarchist. Wie viele andere Freie ging er sogar einmal soweit, einem Hakenkreuzheuchler zu helfen.

Ich war ja ein Verräter, zum Staat zu gehen. Eines Nachts nach Kneipe beschwor er mich, der Sache treu zu bleiben.

Wenn später autoritäres Pressen und die Feigheit der Unterwürfigen das Leben zu einer Tretmühle machten, erinnerte ich mich gern an ihn und seine Treue.

Er zog in den Osten. Man fürchtete, ihm würde etwas zustoßen: ein Anarcho unter Nazis... War es das menschenleere Schweigen dieser Wüste, das ihn in die Esoterik trieb?

Wenn ich von der Stimme Gottes höre, sehe ich ein Herz ersticken. Vielleicht kommt es wirklich nicht auf die Vielen an. Aber die wenigen Gerechten...

Würde ich glauben, ich betete zu Gott, ihn von der Einsamkeit zu befreien, die ihm so göttlich erscheinen.

Aber: Was hatten wir schon miteinander zu tun?

Unter Herren und Knechten glaubten wir Menschen.

Frühe Erinnerungen

Wieder denke ich an die Menschen, die aus den Türmen des WTC sprangen. Unsere Lieben, Freundschaften, Nachbarschaften, unsere Welt sind unter den keuchenden Bewegungen und oft brutalen Schlägen des Lebens nur selten tragfähiger als ein Spinnweb von Moral. Unsere Gedanken, unser Gedenken können den Mittelpunkt eines zerrissenen Gewebes nicht ersetzen. Es wird ein anderes, im Gedenken festeres Netz. Es hält uns in unseren paar Tagen noch etwas weiter. Du bist nicht ins Nichts gefallen. Deine Angst, dein Schrei nach uns schwingt in den zerrissenen Fäden nach. Wenn wir dann einmal unter einem hoffentlich weniger gräßlichen aber ebenso unaufhaltsamen Schnitt des Lebens fallen: ist es nicht jetzt schon ein Trost, daß das Netz sich weiter und weiter knüpft durch alle Räume der Zeit? Irgendwann wird das All einmal zusammenfallen, um sich neu zu entfalten. Was von uns da ist, wird auch dort wieder sein. Anders. Auch dort wird Grauen sein, aber auch Wunder. Ist es nicht das größte davon, das Netz der Liebe, im Baum des Lebens?

Ich weiß es nicht, aber es ist eine schöne Vorstellung.

Absturz

Mit dem PC gehen einige Dateien unter. Warum überhaupt schreiben?

Warum überhaupt leben? Wie wenn die Blüten sagten: " warum überhaupt blühn? " Was bleibt als eine Erinnerung, die selbst bald Staub ist? Schopenhauer hat schon recht. Es ist nichts als Wille zum Leben, sich noch im hintersten Winkel einer erinnerten Ahnung weitergetragen zu phantasieren . Und die Rückseite Todesfurcht, wirklich nicht einmal in einer Erinnerung zu sein, die mich meine Gefühle ausrufen läßt, das Kind sich in eine Baumrinde schnitzen, die Alten sich Kinder wünschen, Häuser errichten läßt. Besser, nie geboren zu sein? Nein! Es kann einmal angebracht sein, sich in die Schmerzlosigkeit zu flüchten. Aber auch die Selbstmörder wissen: das Leben ist nicht, weil es schön ist, schön, sondern weil es Leben ist...

*

Am Feldrand warten die Raben. Richten wir uns auf den Winter ein. Auf kalter Tage und dunkler Nachmittage Freuden duftender Erinnerungen. Eine davon heißt Bangla Desh von George Harrison.

Neben mir wächst es jung

Ich verstehe nicht. Dieses Lachen zwischen Verlangen und Heimweh nach Geborgenheit. Ich verstehe es und möchte trösten. Aber es ist nicht mehr meines. Mein Leben hängt als Tropfen an einem zitternden Zweig. Je nachdem, von welcher Seite du kommst, siehst du die Welt darin, ein Licht oder die Nacht. Du bist noch als aufsteigendes Verlangen in den Dunst der Wolken unterwegs, vom Wind des Willens hierhin und dorthin getrieben, von der Schwere einer Vergangenheit oder eines blinden Schicksals heruntergeschlagen, schon auf dem Weg in die unterirdischen Flüsse oder erst noch glücklich in der zweiten Chance eines sich auflösenden Tautropfens. Ich bin gefüllt und spüre schon wie Gewicht an mir zieht. Dieses Aufstreben und Suchen ist mir fern geworden. Aber ich sammle noch Licht, Nacht und Welt in mir. Freue mich auf Morgen -, Abendrot, Mond und Sonne. Wenn nicht ein  Vogel an dem Zweig schüttelt, gehe ich vielleicht noch einmal den Weg zurück in die Wolken..  

Wolf

Manche, die nicht Wolf sein können, wollen wenigstens Ratte sein. Hauptsache Raubtier. Menschen wollen oft nicht Mensch sein. Ich und Du als Werte erkennen, das scheint mir einer der Unterschiede zur Tierwelt zu sein. Das Tier liebt oder haßt. Werterkennung, Achtung, Gleichheit, Gleichwertigkeit der Person kann ein Tier nicht erkennen.

Wieder einmal spüre ich die Sorge um ein Kind wie den Druck von Nebel auf Lungenflügel. Teer auf meinen Federn. Ich muß durch das Gestrüpp alltäglicher Anforderungen gehen, um die Sorgen abzustreifen. Da lauert die Katze Depression.

Das Sonett vom Loslassen

Wie sich die Athmosphäre schwer
unsichtbar schlingt um Land und Meer,
die Erde antwortet mit Beben,
Furcht und Schrecken dringt ins Leben.

Wie zähen Schlaf der Mond aufwühlt,
im kranken Herz das Fieber quillt,
Wie Macht sich in die Freiheit preßt,
der Freund den armen Freund verläßt.

Wie Liebende von Sehnsucht bluten,
Eifersucht in Höllengluten,
Wie Todesangst ins Leben treibt,
Wut sich in Kerkerwände schreibt.

So zuckt mein Herz im Meer des Lebens:
Sie gehn, ich rufe mich vergebens.-

Start

Hinter dieser von Leben quellenden, brüllenden Stadtkulisse schieben sich schweigend riesige Wolkenberge aneinander vorbei, breitet schweigend sich der Himmel aus. Ein warmer Wind berührt deine Haut.  In deiner Seele schlägt ruhig dein Herz. Du hast einen Streit hinter dir und das Gefühl, dass es noch weit ist bis zum nächsten. Einatmen.

Ausatmen. Deine Gedanken schütteln die Müdigkeit aus den Flügeln und steigen auf. Sie sehen weit über den Tag hinweg in einen Kindergarten oder auf ein Grab und kehren zurück.

Sonntag, 5. Mai 2019

Wir gehen durch Jahrtausende - aus 2001

Wir gehen durch tausend Jahre.

Wir trinken den Wein von tausend Jahren, als sei dieser Jahrgang ganz besonders besonders.
Wir streiten um die Vormacht von tausend Jahren, als wäre ein Sonnenstäubchen der Ewigkeit mehr als eine Ewigkeit.
Wir singen die Lieder von tausend Jahren wie die Ankündigung des ersten Frühlings und schreiben die Augenblicke von tausend Jahren wie Diamanten einzigartiger Seelen.
Wir lieben die Lieben von tausend Jahren wie ein Einziges.
Und tausend Jahre sind vor der Ewigkeit - nichts.

Aber was ist die Ewigkeit vor diesem einzigen grauen, glitzernden Jetzt?

Freitag, 3. Mai 2019

Aus 1998

Hooligans

Die von menschlichem Frieden befreiten Spielplätze und Parks dehnen sich aus. Die Stunden des Grauens verschlucken die Mondnächte und die Brutalität läuft in die Fußgängerzone ein, reißt immer größere Brocken aus dem sterbenden Gespräch.
Hier liegt eine glitzernde Scherbe Ewigkeit. Du träumst und blickst in das aufgerissen Maul eines Kriminellen. Ein Gesicht- und schon schieben sich drei feixende Glatzen davor. Ein Sonnenstrahl- und schon hörst du einen seinen Kumpel auf dich hetzen.
Jetzt betrachte ich die sich durch die Fußgängerzone laufende Barockbombel. Sie kauft sich etwas und denkt: an diesem Platz wär ein Galgenbaum nicht schlecht. Spaßwelt aus dem Festzelt. Ein Eis leckend, eine am Bikini streichelnde Hand und die Schreie der Todesangst an der Hinrichtungsstätte einer vor Angst starren Gesellschaft. Der Mann bevorzugt ein Weize-Hefen und Scheiterhaufen. Ein Pulk religiös Berauschter fischt nach Geld und jungem Fleisch, ein Neonazi aus zerfressener Gefühlswelt sprüht hasserfüllte Blicke auf lachende Kinder, triumphierende auf eine zerstörte Schönheit, einen erschöpften, zerschlagen Körper. Wo ist die Hoffnung?
*
Gildo Horn 11.5.
Der lockt die Mama hinterm Ofen vor.
So etwas habe ich schon öfter erlebt. Was beweist, daß ich alt bin. Ich kann inzwischen sogar zugeben, daß ich es zwar mit viel Energie zu fassen suche, aber ziemlich sicher nicht begreife.
Sieg des 1. FCK, Leichenglotzen in Mannheim, Mittelalter-Straßenfest, Ballermann 6 und jetzt die schwitzende Nußecke. Für mich ist das alles eine Pommes-Frites- Bude mit Mob-Option. Ich glaube nicht, daß es da-da-da ist. Viel zuviel Mutterherz dabei. Die Zone zwischen Schmerbauch und Fußschweiß. Nicht, daß ich edler wäre, aber ich finde öffentliches Bierfurzen mit Liebesdunst elend. Es raschelt wie Bild-Zeitung vor der ersten miesen Morgenzote. Fingern vor Fühlen, aus der Schadenfreude schnell hervorgrapschen.
Aber bei ihm piept doch nur die Liebe und er drückt dich an seiner Wabbel - Brust, wenn du den Mond auf deine eigene Weise anstaunst, und drückt dir einen Pommes- Schmatz auf die Augen. Sprichst du von Liebe, spürst du einen Körper? Er singt dazwischen, knuddelt dich krumm. Ist er nicht ein Festzelt? Er führt die Edeltypen, Modepuppies an der Nase herum mit seiner Mama? Aber er schlabbert mit Gummi - Tier und Sonnenschirm auch in das Staunen der Welt und rennt eine Flüchtlingsfamilie über den Haufen, die sich gerade vor dem Verfolgerzugriff sicher glaubte. Vielleicht ist es echt nur ein Hamburger.

Wenn es bei einer Fan-Gemeinde bleibt, soll es mir Spaß machen, daß ich die Erde nicht verliere und die Schönheiten des Kochlöffel-Grill, die viel zu wenig beachtet werden. Vielleicht ist es aber auch schon die Entfesselung der couch-potatoes. Dann Gnade Euch, die ihr noch in irgendeiner Weise Ich seid. Erinnert Euch: Peter Alexander, Heintje, Heino, Rex. Aber auch unser großer Vorsitzender, Führer, Jesus, Oshi. Sie alle haben euch lieb.-

John Lennon ist gestorben, weil er diese Scheiße nicht mitmachen wollte.

Ist es der Pudding , aus dem die Glatze springt, der Fisch im Wasser oder der ausgelutschte Weck?
Mein erleuchteter Nachbar singt: piep, piep, piep. Jesus hat dich lieb. Erster knalliger Spätfrühlingstag. Sonne. Eric Clapton, jetzt alt, singt mir aus meiner Pubertät. Die Bäume sind grüner, die Luft wie zum Leben trinken. So könnte ich immer weiter ins Blau. Aussteigen und in das Blau dieser Blumenkommune meines 68, ernst, sanft mit manchen verrückten Schnalzern an den Wurzeln eines Venushügels. Freiheit meinen schwarzen, roten, gelben Geschwistern. Unter Sonne und Mond, zwischen Austritt aus der und Eintritt in die ewige Wiederholung des Einmaligen.

Dann der Schmerz. Jetzt spüre ich nichts von ihm, kenne ich ihn nicht. Kleine, Wurm killende Amsel. Grumpf, die Katze hat dich gefressen.

Ach Ja, Gildo Horn. Er hat mich lieb. Wenn er noch ein halbes Jahr weiter macht, ist er Heino. Sind es die Abdecker und die Leichenlecker von Mannheim, die an seinen Lippen hängen? Mama liebt Gildo. Die einzig Vernünftigen, die nicht in den Sog einer dotzenden Rumkugel kommen sind wahrscheinlich Harald Juhnke (New York, New York) und Otto, das Schmatzen.

Vier Jahre später ist das Kaufhaus über seinen Ruhm weggerollt. Ich war zu hart zu einem, der doch irgendwie dazu gehört.

Pfefferminzhemd - 2

Laßt uns doch mal dieses Pfefferminzhemd betrachten. Aus den Halbärmeln die rosafarbenen blondflaumigen Arme eines Managers,  dessen  durchgeschorener Breitkopf aus dem Kragen schwenkt. Es glänzt feucht nach Nylon, aber hier ist kein Schweiß. Ein Duft von reiner, mineralischer Frische. Bitter Lemmon, noch eher Tonic und im Hintergrund ein Riesenbecher Tropic-Eis. Diese Haut unter diesem Azurblau-Wiesengrün. Ein fester feuchter Schlauch. Ich stelle mir eisblaue Augen dazu vor. Eine Arbeitsmaschine. Der geht aus dem Schwergewicht des Hinterns, neigt sich zu seinen fetthaarigen Fahrern gnädig, schickt sie mit Gesten von gymnastischer Flüssigkeit in die 360 Windrichtungen. Wie er wohl seine Berichte aufs Papier bringt? Ich kann mir einen gold-schwarzen, gold-grünen Kugelschreiber vorstellen, auch eine aus dem Katalog gezogene Sekretärin

Der Raum ist erfüllt von Schwimmbad, Florida, Gesten, Geschmeidigkeit eines Spiels von Schau und letzter Handlungsreise. Schau dieses Hemd von Pfefferminz und alle Triebe schweigen. Die Zeit bleibt stehen und deine Knechte tauchen in den Wellen nach Perlen. Es ist alles möglich. Daß er einen Revolver zieht, jemanden oder sich selbst erschießt. Nimm es dir - du hast die Macht- und gehe hinaus in neue Paläste der Leere. Karriere. Die Ewigkeit kristallisiert in deinen Zellen. Du gleitest durch die Glaswände des Lebens. Kannst du sterben? Die Neugier steigt aus dem Blutschlämmen unserer schmutzigeren Natur, es auszuprobieren. Jetzt aber wandle, wandere, in der uns so fernen illustrierten Zeit, frei von Mundgeruch und Potenzknick.
Es donnert. Als wenn ein Ungläubiger in der Hagia-Sofia einen fahren läßt.
*
Regale

Ein Manager schiebt sich durch die Regale. Den ganzen Tag in der bunten Welt. Unter den Gummisohlen ab und zu eine platte Banane, Joghurt, Zucker. Dort knirschen Spaghetti. Da rutschst du auf Marmelade aus. Eine Diebin.

Der Manager brüllt durch die ganze Bude. Die Würde des Menschen ist ein Wischlappen der Macht. Der Manager schiebt durch die Regale. Die Augen schwenken durch den Raum.

Dort räumt eine Angestellte ein. Er bückt sich, um zu helfen. Sie lacht und denkt: Idiot. Er macht die passenden Witze und fühlt Stärke. Eine Anweisung zum Abschluß. Freiheit der Person unter der Dreckschaufel. Ein Klo steht nicht zur Verfügung. Ein Manager schiebt durch die Regale. Heut Abend Treff beim Chef. Will er´s in Anzug oder Jeans.

Katholische Kirche, Kirchheim-Bolanden

Eigentlich kein Gebäude, mehr eine in die Tiefe gestreckte Zwei-Dimensionale. Die geraden Linien in einem weißen Knochen-Beton gehalten, die schmalen langen, schwarzen Fensterhöhlen, das schwarz gestrichene Rechteck von Tür.

Wie sehe ich es? Die ausgelaugten Holzbänke. Gerade gehobelt, aufgerissen vor Trockenheit. Moos und Flechten- Flecken auf den streng ausgerichteten Steinplatten. Vögel, deren Stimmen Dschungellianen in die Luft flechten.

Hierher verirrt sich niemand. Kinder, Schänder, Dichter und Priester. Sind wir hier in den von Schatten zerschnittenen Lichtquadern nicht überflüssig?

Oma mit dem Hund.

*

Planungswampe und Kralle der Verwaltung und das Bierzelt jubelt. Wieder ein Haus geopfert einer Orgie von Geld und Gier auf noch mehr Geld. Was geschieht in dieser Stadt?

Du gehst spazieren, und um dich Disneyland, die geschäftige Glätte von Krawatte und Kostüm und schwarzem BMW. Sie rührt die Menge auf der Käufer und der sich ins Leere begebenden Säufer. 


Ein Skin drückt seinen Sohn in den Hundekot. Hallo, es geht uns gut. Dort aber lungert lustige Jugend. Was willst du haben, Baseballschläger oder Schlagring? Wo ist ein Penner, ihn fertig zu machen? Uniform, Glatze zerschlagene Bierflaschen als Bekenntnis, Spaß am Quälen. Ein Gedanke, begraben unter Rowdy-Kotze und dem Edelpflaster, das ein Ingenieurbüro darüber legt. Ein Haus ist geknackt aber auch Erinnerungen an Menschen.

Und dann kommt der Regen. Und du wirst alt sein. Was du erzählen kannst, ist ein unendlich langer Fernsehfilm und eine Marktplatz-Szene, die schlechter ist als er. Dein Kind wird längst im eigenen Palast dein Imperium zerstückeln oder deinen Platz unterm Kanaldeckel erobert haben. Wohin willst du König Lear? Hier ist das Ende: im goldenen Rollstuhl von der Freundin deines Leibwächters erstickt, auf der Parkbank vom Kumpel deines Enkels erschlagen.
*

Es gibt jetzt so schöne grüne Hemden...

Hej, Mister Pfefferminz,
öffne diene Achselhöhlen;
Mamas Märchenprinz
von metallischen Befehlen.

Schweißtropfen-Thau auf Rosenhaut,
aus dem Slip ein Handy schießt
laserhart ins scall.
Nothing at all:

Der Tod hat diese Nacht geleast,
und der Bilanz im Desktop graut.
*
"Ahloo, Ahloo!...":

Da rufen dich lauter Angst und Verzweiflung eines machtlosen Mannes. Die zwei Polizisten haben den Flüchtenden niedergeworfen, drehen ihm die Hände auf den Rücken, drücken ihn mit dem Oberkörper auf die Motorhaube. Als Mensch spürst du den heftigen Impuls, zur Hilfe zu eilen. Der Hilferuf an dich als einen Bruder, eine Schwester der Erde läßt sich nicht überhören. Todesangst, schauerliches Echo von den Wänden unseres Verwaltungsblocks. An den hohen Fenstern sehen wir zu 20 oder 30 zu. Was Recht an einer Abschiebung ist , können wir uns vorstellen. Aber was ist daran menschlich?

Ein Hilferuf zerplatzt auf dem Altstadtpflaster. Verschlungen von den Schatten eines Innenhofs. 
Spürst du die Fluten der Einsamkeit?
Schweigend gehen wir wieder an unseren Schreibtische.

Betriebswirtschaft

Mit Freude bemerke ich, dass auch der Super- Lollipop Betriebswirtschaft ausgelutscht ist. Nach einer ungeheuren Ausdehnung in die Machtphantasien anfälliger Ideologen fällt sie zusammen und zurück in die Grenzen einer von Gesetzen gelenkten Organisation des Lebens. Wenn jetzt noch das Bullenprinzip der Willens-Allmacht von Mehrheiten und straff organisierten Cliquen sich dem Prozeß der  sensiblen Verständigung in allgemeinen Absprachen unterwirft, wird aus einer gesetzmäßigen Verwaltung des Lebens auch wieder eine im verfassungsmäßigen Rahmen.

Ein Spielzeugtraktor
steht vor der Aufzugs-Tür 3. 6. 98

Zu wem er gehört? Die Kollegin erklärt, daß gerade eine Familie abgeschoben wurde. Welches Kind ist gestern noch damit über das restaurierte Alzeyer Straßenpflaster gehoppelt? Ein Lied aus dem Kindergarten: " piep, piep, piep.. " oder aus der deutschen Hitparade von Liebe und Schmerz. Zwei Glatzen und ein Hund. Vorsichtig in den Hof zurück.
Jetzt sitzt er im Flugzeug bei einer weinenden Mama und einem bitteren Papa. In die Heimat. Das Elend wartet und der Tod aus den Gewehren eines serbischen Rassistenrudels. Wenn du durch die verwüstete Kindheit und die Wolfsschlucht einer Exilantenjugend hindurchkommst, wenn du eines Tages von einer zu spät kommenden Gerechtigkeit um Verzeihung gebeten wirst: Dann wirf dein Leben nicht in den Aktenvernichter einer Schlußstrich-Verwaltung. Behalte sie alle: Haß, Wut, Angst, tiefes Mißtrauen-. 

Das haben sie zu deiner Heimat gemacht. Nur da kannst du deinen verlorenen Schatz wiederfinden. Und dieser dunkle See Ich allein weiß, wieviel Reue genügt, seine Tiefe auszufüllen. Du allein bist es, der in diesem Spiegel erkennen kann, wieviel Tränen deine Verletzungen zur Heilung brauchen.
Ich aber schwöre, daß ich die Täter nicht an deiner Stelle von Schuld freisprechen werde.

Ein Spielzeugtraktor vor der Fahrstuhltür.

Geschenkt!

Donnerstag, 22. November 2018

Schlichten statt richten 1988/89


Schlichten statt richten

Schiedsamtszeitung  1990, Heft 04,

Im Alter von 83 Jahren verstarb am 2.1.1990 Schiedsmann O. G., Alzey, Träger des Goldenen Ehrenringes des Stadt Alzey und der Verfassungsmedaille des Landes Rheinland-Pfalz.
Mehr als ein Jahrzehnt bekleidete er das Amt des Schiedsmanns. mit großem Einfühlungsvermögen und Engagement.


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„Geb. Datum ....06,
Geburtsort. Weinheim

NSDAP              1.5.37      bis Ende
SA                   30.1.34.      bis Ende          Sturmführer“

Ich gehe durch Strassen voll mit jungen Erwachsenen, Studierenden voll Hoffnung, voll mit Kleidungstüten, Kinderwagen und ans Phone gehängte Ohrmuscheln. Blau, blau der Himmel, die Sonne auf roten und gelben Sandsteinwänden. Ich freue mich auf eine badische Butterbrezel vom Syrer und auf einen Mohnkuchen aus irgendeiner Fabrik.

Ich bin dabei, mich von etwas Vergangenheit zu befreien, habe schon Kunst und Literatur entsorgt oder in Archive verbannt, das nächste Buch rührt sich. Und doch ist mir schwer von grauer Erinnerung.

Ein Kampf, indem ich Opfern zum Recht verhelfen wollte habe ich auf dem Tisch liegen. Die Hauptakteure der Geschichte sind tot, ich selbst erzähle uninteressante Geschichten in eine aktive Generation hinein. Aber ich kann es nicht vernichten, "entsorgen", noch ablegen im Archiv des Vergessens.

Ich höre die Geschichte der Elisabeth Langgässer, ihrer Tochter Cordelia Edvardson und deren Tochter Elisabeth Hofmann, denke an den SS-Arzt, der in ihr Haus zog und an meine eigene Geschichte. Es zieht hinab in Schuld und Ohnmacht der Bemühung.

Nein! Dies gehört nicht ins Archiv. Dies ist Skandal bis heute! Wissend um die Ehrlosigkeit einer Karriere schlägt eine Stadt, in der all dies möglich war, den ehemaligen Sturmführer SA, G., zum Schiedsmann vor. Vehement schreibe ich dagegen an und werde abgewiesen.

Bei der Veranstaltung zur jüdischen Geschichte in Alzey sitzt der ehemalige Sturmführer in einer der vordersten Reihen.


Herrn
Klaus Wachowski
AIzey

Direktor des Amtsgerichts
Alzey
Datum: 18. November 1988

Betr.: Schiedsmann O. G.
Bezug: Ihr Schreiben vom 8. November 1988

Sehr geehrter Herr Wachowski!

Als jemand, der nicht am Verfahren der Ernennung von Schiedsmännern beteiligt und auch sonst nur außenstehende Privatperson ist, haben Sie kein formelles Antragsrecht.

Ihr Schreiben kann ich daher -was Ihnen als Beamter verständlich sein dürfte - nur als Anregung verstehen.
Die Schiedsmannsordnung sieht eine Abberufung des ernannten Schiedsmannes nicht vor.
Herr G., Träger des Ehrenringes der Stadt Alzey und langjähriges Stadtratsmitglied, wurde auf einstimrnigen Beschluß des Stadtrates der Stadt Alzey für dieses Amt vorgeschlagen.

Mit freundlichem Gruß
Dr. Koch

Herrn
Klaus Wachowski
Alzey

*
Amt 10 - Hauptamt
Alzey, 23. November 1988
I
Betreff: Schiedsmann O. G.

Lieber Klaus,

bezugnehmend auf Dein Schreiben vom 08.11.1988 und das mir in Durchschrift zur Verfügung gestellte Antwortschreiben des Direktors des Amtsgerichts Alzey vom 18.11.1988 bin ich der Auffassung, die Angelegenheit nunmehr auf sich beruhen zu lassen. Ich hatte bereits kurz Gelegenheit mit Dir persönlich darüber zu sprechen und nehme auch insoweit hierauf Bezug. Gerne können wir den diesbezüglichen Gedankenaustausch gelegentlich noch vertiefen. Ich bitte Dich mit dieser Verfahrensweise einverstanden zu sein und verbleibe

mit freundlichen Grüßen
Bürgermeister

*

Jüdische Gemeinde
Mainz, den 25. Januar l989
Klaus Wachowski

Alzey

Sehr geehrter Herr Wachowski,

wir danken Ihnen für Ihr Schreiben vom 12. d.Mts. und danken Ihnen gleichzeitig für Ihren steten Einsatz im Kampf gegen den Rechtsradikalismus.

Ihre Frage, ob in Mainz während der Pogromnacht Männer aus Alzey eingesetzt waren, müssen wir verneinen. Es wüteten Gymnasiallehrer, aus Mainz, deren Namen uns bekannt sind. Lediglich die Schüler brachte man aus den umliegenden Ortschaften, die dann die Wohnungseinrichtungen zerstörten.

Wenn Sie sich mit der Vergangenheit der Bürger des Dritten Reiches beschäftigen, werden auch Sie feststellen, daß Sie entweder in Watte greifen, oder auf Schweigen und Beschönigung stoßen und keine konkreten Fakten bekommen.

mit freundlichen Grüßen

(Prof .Dr.Gerrard Breitbart)


Dokumentationszentrum
Wien, 24.Jänner 1990 SW/A

Sehr geehrter Herr Wachowski!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief vom 21.11.1989 und die vielen Gedanken, die Sie mir darin im Anschluss an den TV-Zweiteiler Recht, nicht Rache mitgeteilt haben
Sie haben in den meisten Kritikpunkten recht.

.......

Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihr Interesse an meiner Arbeit und Ihre Aktivitäten, durch die Sie zum Multiplikator von Wahrheit und der Forderung nach Sich-damit-auseinandersetzen werden.

Mit freundlichen Grüßen
Simon Wiesenthal

An den Stadtrat hatte ich geschrieben, an meinen damals ehemaligen Parteifreund und in seiner Bürgergerechtigkeit nicht mehr erreichten späteren Innenminister von Rheinland-Pfalz die Entscheidung kommentiert.

Auszüge aus meinen Briefen 

Alzey 2.12.1988

An die Parteien im Stadtrat

Betrifft: Vorschlag des Herrn O. G. zum Schiedsmann 30.1.34, zum Jahrestag der Machtergreifung, kurz nach dem Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat, tritt der Buchdrucker O. G. in dies ein. Er bringt es zum Führer einer der vier in Alzey gebildeten SA  -  Stürme. Am 1.5. 1937 „Tag der Arbeit“ erfolgt die Aufnahme in die NSDAP.

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zur Geschichte der Juden in Alzey nimmt der Schiedsmann und Träger des Ehrenring der Stadt Alzey ROG Platz unter den Ehrengästen, ehemaligen Alzeyer Bürgern und Angehörigen von Alzeyer Opfern.

Bei einem Gespräch mit einem damals Verfolgten ist über solche Sachverhalte zur Hauptsache Resignation festzustellen. Wie sagte mir doch ein Vertreter von Opfern bei ähnlicher Gelegenheit?: „Entweder sind es Arbeiter oder kleine Beamte deren Beförderung man zu verhindern verstand, während die einstigen Parteibonzen oder Parteiangehörige einander die Steigbügel zur Beförderung hielten.“

Ich bitte die Parteien im Stadtrat, den gewiss in Unkenntnis über die einstige Karriere des Herrn G. erfolgten Vorschlag zum Schiedsmann zurückzunehmen. Die darin ausgedrückte Ehrung widerspricht dem Andenken an die Leiden der Opfer des NS - Systems. …l.

Was der jetzige Schiedsmann sich nach dem Krieg auch immer an Verdiensten erworben haben mag, es wiegt nicht ein Gran der Existenzangst auf, die anständige Bürger wie die Alzeyer Juden und die demokratische Opposition beim Anblick der Uniform des Sturmführers empfinden mussten. Und welches Erlebnis muß es wohl für jemanden sein, der sich damals vor dem Unerhörten verbeugen musste, einen dort Geehrten unter den jetzt Geschätzten zu erblicken. Man stelle sich vor ein NS-Opfer müsste vor solch einem Schiedsmann Sühne für die Beleidigung etwa durch einen Neonazi einfordern, von solcher Karriere sich zur Mäßigung anmahnen  lassen.

Ähnliches und Schlimmeres kommt vor… Das ist keine Frage…Keiner Frage aber auch, dass dies nicht vorkommen dürfte.

Ein Jurist hat mich darüber belehrt, dass es angeblich keine Möglichkeit auf Aufhebung einer solchen Wahl wie die des Schiedsmannes gibt. Ist die entsprechende Regelung tatsächlich so aus jedem Rahmen fallend, so steht einer öffentlichen Erklärung des Stadtrates über den der Entscheidung zugrunde liegenden Irrtum nichts im Wege. In dem der Wiederherstellung der Ehre seiner Mitbürger verpflichteten Ernst bitte ich Sie daher, die dieser entgegengesetzte Ehrung rückgängig zu machen.

Mit freundlichen Grüßen
*

2.12. 1988
Lieber Walter

Es geht wirklich nicht anders: öffentliche Ehrung und verheimlichte Schuld. Das ist genau das, was die heutige Diskussion zur NS- Zeit in aller Welt bestimmt. Seien es Waldheim, Höfer oder eben G.: auf einen Nenner gebracht ist jedem deutlichen Empfinden zur Schuldfrage eines gewiss: Dortige Karriere und jetzige Ehre - das ist eben das Unerhörte, was die Opfer zu allererst als so widerwärtig empfinden, dass sie die Kollektivschuld zwar öffentlich verneinen aber innerlich für wahr halten. Sie sehen es nicht ein, auch nur ein Wort mit Deutschen zu reden, die es doch gewagt haben, ihren Kameraden, Vätern, Verwandten usw. an Stelle der Opfer zu verzeihen, ...

„Der hat ja nichts getan!“ - Aber doch profitiert, und damit wird aus dem Trittbrettfahrer eben ein Nutznießer der Unmenschlichkeit. Wie kann der jemals mehr Ehre erhalten als einer, der zumindest nicht mitgemacht hat?

Ich höre die zukünftigen Geschichtsschreiber: "der Träger des Ehrenrings der Stadt Alzey und SA-Sturmführer O.G..." Die haben doch gerade 1934 die Demokratie ob rechts oder links nicht nur mit Stiefeln getreten, … Mögen sie immer innerlich anders gedacht haben. Aber sie haben es - hier nämlich die Karriere - doch gewollt. -

Wir wären auch schuldig geworden?

Aber doch nicht jeder wäre NSDAP- Mitglied geworden oder SA-Führer. Und wenn, dann müsste er sich eben heute auch zumindest so reuig fühlen, jede Ehrung mit Händen und Füßen von sich zu weisen! Ist es allzu menschlich? So hat doch das Allzumenschliche noch immer keine Ehrung verdient. Hat er denn nicht genug an Karriere auch nach dem Krieg gemacht, auch noch den öffentlichen Respekt zu beanspruchen zu können, der unscheinbaren aber nicht annähernd so beteiligten Mitbürgern versagt wird?

Da geht nichts über das Gewissen: Ehre, wem Ehre gebührt. Und wo sie sich gegen die Achtung vor dem einfachen Menschenwert der Anderen verkehrt, muss sie auch versagt oder zurückgenommen werden können.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus

*

Die ebenfalls angeschriebene AZ schwieg höflich, nicht alle Freunde nickten verständnisvoll mit dem Kopf. „Laß die Toten ruhn“.

Eben das war die Absicht meiner Vorbringungen gewesen. Jetzt heftete sich die Schuld irgendein Verdienst ans Revers und setzte sich mitten unter die Würdenträger, die sie höflich nickend empfingen.

Wer stand Wache vor den Plakaten mit der Aufschmier "Kauft nicht bei Juden?". Wer dirigierte zur Pogromnacht? Wer meldete, erstattete Bericht? Wer schützte die benachbarten Häuser vor dem Feuer in der Synagoge?  Watte, Schweigen, Beschönigung.

Aus der AZ Alzey zum 9.11. 2018:

Angefangen hatte der Krach frühmorgens. Gruppen der SA aus Nachbargemeinden und aus Alzey hatten sich zuerst der Synagoge angenommen. Sie hatte über Nacht der Befehl erreicht: „Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. (...) Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen. (...) Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen.“ Diese verbrecherischen Aktionen sollten als spontan ausgebrochener „Volkszorn“ erscheinen, tatsächlich waren sie von der NSDAP-Zentrale in München über Nacht reichsweit ausgelöst worden.
Schrein aufgebrochen und angezündet
In Alzey wurde als Erstes der Schlüssel zur Synagoge gesucht, im Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde in der Neugasse 16. Dieter Hoffmann berichtet: „Dort trafen sie zunächst auf Lieselotte Rosenthal geb. Baum, Tochter aus dem Weingut Baum, und sie malträtierten sie so lange mit Tritten, bis sie die Aufbewahrung des Synagogenschlüssels im 1. Stock bei Lehrer und Kantor Salo Säbel verriet. (...) Das Mobiliar und die Gedenktafeln mit den jüdischen Gefallenen des 1. Weltkrieges wurden zertrümmert, der heilige Schrein mit den Thorarollen aufgebrochen und daraus ein Feuer angezündet.“

Ein dunkles Gefühl von Ohnmacht gegenüber der ungestört bleiben wollenden Gemütlichkeit der Abwiegler verdüstert mir bis heute manche Erinnerung.

*

Das ist dreißig Jahre her, die Schuld 75 bis 80 Jahre. 

Ich gehe durch die Straßen voll fröhlicher Gesichter. Was schleppe ich ein Gefühl mit mir herum, das gerechter Weise die Gemütlichen beschweren müsste? Ich wünsche mir, daß es bei Dir anders wirkte: als Anstoß zu Vorsicht in moralischen Angelegenheiten. Das Leben wäre zu schwer, könnte man den Menschen nicht vertrauen.

Aber vertraue ihren Würdenträgern nicht zu sehr. Nimm Dein Gewissen, zum Maßstab und vertraue nicht den Beglaubigungen der Bemächtigten. Wirke, aber erhoffe nicht einen eigentlich zustehenden Erfolg. Sei enttäuscht, doch nicht zerstört, wenn Deine Wirkung nicht größer ist als die eines braven Bittstellers, mal so, mal so. Und nimm die Stille der peinlichen Betroffenheit als das an, was Du gewöhnlich im besten Fall erreichen kannst.

Unter diesen fröhlichen Gesichtern in strahlender Sonne sind nicht nur "gute, anständige Leute". Aber doch eine ganze Menge davon. Daran lass mich glauben! Ich gebe meine Hoffnung nicht auf, wo ich sie weitergebe. Ich habe nicht viel getan und sehr wenig erreicht. Mit anderen zusammen aber war es mehr. Diese Erfahrung gebe ich mit meiner Hoffnung weiter.

Ich erwachte einst in einem Traum der Natur. Da war Blühen, Gesang von Vögeln, Versprechen von Liebe. Ich begegnete dem Bösen, der Gleichgültigkeit. Ich sah das Leid und das Morden. Ich war mutig und feige.
Das glaube ich stark:  Ich wäre nie geworden wie sie. Aber auch ich war selten stark in der Menschlichkeit. Ich hatte jedoch Glück. Das Versprechen war stärker als die Täuschung. Und Liebe und Verlust erfüllen es bis heute.

22.11.18

Dienstag, 20. November 2018

Freitag, 9. November 2018

Austritt eines Beamten 1997 Grüne

Ich hatte meinen Austritt mit der Tatsache begründet, dass sie nach der Privatisierung dem Staat auch noch die Beamten nehmen wollten.
Zunächst der Brief aus dem Büro Vollmer:
Bonn, 08.07.97
Lieber Klaus Wachowski,

Dein Schreiben an die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen vom 18. Juni wurde zuständigkeitshalber an unser Büro weitergeleitet. Wir bedauern Deinen Parteiaustritt. Zu Deiner Begründung möchte ich aus Sicht unserer Beamtenpolitik aber doch etwas anmerken.

Bündnis 90 / Die Grünen setzen sich für einen modernen, effizient und bürgernah arbeitenden öffentlichen Dienst ein. Dabei geht es uns insbesondere darum, daß das Beamtentum den veränderten Bedingungen und Anforderungen unserer Gesellschaft gerecht werden kann. Wir halten daher weitergehendere Reformen für notwendig als sich der Bundesinnenminister in seinem Entwurf für ein Dienstrechtsreformgesetz zugetraut hat. Und wir glauben, daß dies unterhalb einer Grundgesetzänderung schon jetzt möglich ist. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung verfolgt in großen Teilen einen Ansatz, der weitreichende Modernisierungen unter Zustimmung der Beschäftigten und zugunsten größerer Bürgerfreundlichkeit nicht ermöglicht.

Wir halten die Reform der öffentlichen Verwaltungen schon lange für überfällig, weil große Teile der Verwaltung heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes klagen zurecht über starre Strukturen, fehlende Flexibilität und Eigenständigkeit sowie Arbeitsüberlastung. Ihre Kreativität und Leistungsbereitschaft wird bislang nicht genutzt. Der Kunde bekommt dann leicht eine Mißlaunigkeit zu spüren. (Anmerkung: war wohl noch nicht als Kunde Bahn gefahren.)

Nach Auffassung der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen soll der Einsatz von Beamtinnen und Beamten nicht abgeschafft, wohl aber auf die hoheitlichen Kernbereiche wie Polizei und Justiz eingeengt werden. Dabei ist uns klar, daß viele Beamte gute Leistungen erbringen, oft gerade trotz der starren und umständlichen Strukturen. Die Reformen dürfen deshalb nicht auf ihrem Rücken ausgetragen, sondern müssen gemeinsam mit ihnen voran gebracht werden.

Wir wollen den Beschäftigten Sicherheit für ihren Arbeitsplatz, aber auch Mut zur Veränderung vermitteln. Eine Reform des öffentlichen Dienstes liegt nicht zuletzt in ihrem eigenen Interesse. Wir fordern deshalb für alle Beschäftigten leistungsorientierte und motivationsfördernde Arbeitsbedingungen. Dazu gehört die Vergabe von Führungspositionen auf Zeit, eine größere Durchlässigkeit und Flexibilität im Laufbahnsystem, mehr Flexibilität in den Arbeitszeiten, ein Berufsausstiegskonzept, sowie der Ausbau von Aus-, Fort- und Weiterbildung.
Daß dabei auch die Politik selbst sich reformieren muß, ist uns sehr bewußt. Sie sollte künftig der Verwaltung klarere Zielvorgaben machen, um sie dann eigenverantwortlich arbeiten zu lassen. Nur so wird sich eine motivierte, leistungsstarke und dadurch auch bürgerfreundliche Verwaltung schaffen lassen, die die Erledigung der Bürgerinteressen in den Mittelpunkt setzt.

Wir halten solche Reformen für wichtig, gerade um das Beamtentum zeitgemäß zu erhalten. Insofern ist mir Deine Kritik nicht verständlich.

Christian Holtorf, Wiss. Mitarbeiter
Mit freundlichen Grüßen


Heute -2018- mag mancher, der nicht von seinem persönlichen Vorankommen geblendet ist das Desaster erkennen. Alle Trumps, Putins und Kims haben das Rezept der Grünen realisiert. Der Zustand zeigt die Rückseite des reinen Weltbildes. Vielleicht findet man auch hier Wölfe als naturgegebenes Ideal. Ich war Beamter und hatte anderen Einblick in die Sache, den ich von Hannah Arendt geteilt sehen durfte. Das H.A. Institut in den Händen der Unpolitik?

Ich antwortete jedenfalls:

Alzey, 13. Juli 1997
Herrn Christian Holtorf
Büro Dr. A. Vollmer
Bundeshaus
P 93
53113      Bonn

Ihre politische Erklärung zu meinem Parteiaustritt vom 8.7.97

Sehr geehrter Herr Holtorf,

Ich habe die Fraktion angeschrieben. Sie hat meinen Brief an Sie weitergeschoben. Ich hatte meinen Austritt erklärt, Sie hatten das Bedürfnis, sich zu erklären. Sie redeten für eine Partei, von der ich anderes zu hören gewöhnt war. Meine Kritik ist ihnen nicht verständlich, möglicherweise ist es die Hannah Arendts:

"Sie (die bourgeoise Klasse) hat wahrscheinlich im Staat nie etwas anderes als eine notwendige Organisation zu Polizeizwecken gesehen. Diese Blindheit... hatte zur Folge, daß die Mitglieder dieser Klasse immer in erster Linie Privatpersonen blieben ... Denn die Privatgesellschaft, in der diese Klasse lebte, war eine Gesellschaft von Konkurrenten, in der in der Tat galt, daß Macht Recht ist, daß der Erfolg der einzige Maßstab allen Tuns und Leidens ist und daß der Größere notwendigerweise immer den Kleineren verschlingen muß .
Im Zeitalter des Imperialismus, da Geschäftsleute selbst von Politikern um ihrer staatsmännischen Einsicht willen bewundert wurden, während Staatsmänner nur noch ernst genommen wurden, wenn sie sich wieerfolgreiche Geschäftsleute gebärdeten, wurde diese Maximen privaten, an Konkurrenz gebundenen Handelns nach und nach auf das Niveau von Prinzipien für die Ordnung öffentlicher Angelegenheiten gehoben  ...
Gerade weil die nationale Innenpolitik anfänglich von dieser Umwertung unberührt blieb, wurde die Bevölkerung kaum gewahr, daß das systematische Außerachtlassen aller Fragen des öffentlichen Wohls und die Rücksichtslosigkeit, die für das gesellschaftliche Leben ohnehin schon kennzeichnend waren, aber gegen welche die staatlichen Instanzen die Privatpersonen, so gut es ging, geschützt hatten, nun auf sie politische Sphäre der öffentlichen Angelegenheiten  selbst ausgedehnt werden sollten, so daß der individuelle Bürger schließlich selbst den dürftigen Schutz noch verlor, den Gesetz und Recht ihm gegen die Anarchie der Gesellschaft geboten hatten.  HA. Elemente und Ursprünge... "Serie Piper S 241

Der Funktionärsstaat, den Sie als Perspektive vorschlagen, ist nichts als die ideologische Bürokratie nach altem Muster:

"... Juristisch gesprochen und im Gegensatz zur Gesetzesherrschaft ist Bürokratie das Regime der Verordnungen. Die Macht, die in Verfassungsstaaten nur der Ausführung und Innehaltung der Gesetze dient, wird hier, wie in einem Befehl, zur direkten Quelle der Anordnung. Verordnungen sind ferner immer anonym, während Gesetze immer auf bestimmte Personen  oder gesetzgebende Versammlungen zurückgeführt werden können; sie bedürfen weder der Begründung noch der Rechtfertigung im einzelnen Fall ...Vom Standpunkt dieser Bürokratie, die die despotische Herrschaft für den Dynasten besorgte, erschienen die verfassungsmäßigen Regierungen als unendlich unterlegen und die ihr eigentümlichen Gesetze als " Fallen ", in welche die Herrschenden sich nur unnötigerweise verstrickten. Auch fühlten diese Bürokraten ... sich den gesetzgebenden verfassungsmäßigen Regierungen dadurch überlegen, daß sie durch keine Prinzipien ... eingeschränkt waren, also in ihrem Sinne über eine viel größere Freiheit verfügten; auf die Beamtenschaft dieser Staaten sah sie ebenfalls herab, weil diese in der Anwendung der Gesetze wiederum von Gesetzesinterpretationen gehemmt und so an direktem politischem Handeln verhindert war. Der Bürokrat, wiewohl er nur Verordnungen durchführt, die er selbst nicht erlassen hat, hat zum mindesten die Illusion einer ständigen, weitreichenden Tätigkeit und fühlt sich himmelweit den "unpraktischen" Leuten überlegen, die sich dauernd über legalistische Details den Kopf zerbrechen müssen und daher außerhalb der Machtsphäre bleiben, die für ihn Politik überhaupt verkörpert ."
HA. a.a.O. S 351

Sie wollen das Gegenteil von mir. Wie sollen Sie mich verstehen ? Wo ich das Wort Recht erwarte, verwenden Sie gleich drei Worte aus der Supermarkt -Propaganda : Effizienz, Flexibilität, Bürgerfreundlichkeit.

Ich habe in meiner Ausbildung von Beamten, die die Gründung der Republik erlebten, so etwas nicht gehört. Mir war nie bewußt, daß es die Aufgabe einer Rechte-Verwaltung sein könnte, irgend etwas effizient wegzuputzen, Käufermassen effizient zu bedienen oder einer Aktionärsversammlung zur gesellschaftlichen Dividende aus dem Volkskörper zu verhelfen. Mit Flexibilität muß jeder, der Recht verhandelt und nicht Aktien jongliert oder einem fremden Willen vorauseilt, Probleme haben; und Bürgerfreundlichkeit ist eine Talk-Show- Tugend, die dem Respekt gegenüber dem Bürger nicht angemessen ist .

Sie lächeln, ich nehme ernst. Ihr zeitgemäßes Beamtentum ist das der 2/3tel-Gesellschaft, in der der Staat sich auf den Schutz des oberen Drittels zurückzieht und den Rest den Streetgangs aller Sparten überläßt. Daher der Rückzug auf " hoheitliche " Macht ausübende Beamtenschaft. Daß Sie es nicht vom imperialistischen Hochhaus, sondern von erleuchteten Campus aus fordern, ändert an den Folgen für diese Republik nichts.

Eine Grundgesetzänderung ziehen sie nicht in Betracht. Der Bürger dankt .

Dafür machen Sie ihn zum Kunden. So wird Recht käuflich. Keinem Bürger, der sein Recht will, fällt ein, daß er so etwas wie ein reklamierender Kunde ist und das Recht eine Ware. Sie sind zum Beispiel ein beauftragter Manager, der voll vom Willen seiner Auftraggeberin abhängt. Wie sollen Sie einen verstehen können, der nur an Recht und Gesetz gebunden ist und allerdings nicht hinter einer Kasse zu sitzen wünscht, sondern einer Bürgerin oder einem Bürger gegenüber, der nach seinem Recht verlangt. ..

Mit freundlichen Grüßen
Klaus Wachowski

Heute 2018 denke ich, dass solche Spannungen stets wirken werden, wenn sich Routine, also mangelnde Wachsamkeit, und unkontrollierter Ehrgeiz -mit Erbanspruch- in eine Republik von frei und gleich geborenen Bürgern einschleicht. Es braucht keine Diktatur, um in eine Diktatur zu fallen.

Und die Prüfer der Politik, die täglich im Dienst der besonders kommunalen Rechnungsprüfung  an Willfährigkeiten leiden von indirekt vorgesetzten Politikern, die sie mit allerlei Tricks und Drohungen aushebeln können, um weiter als gnädige Mamas und Papas zu erscheinen,- mein Bedauern aber auch Ermutigung: Ihr seid von der Republik eingesetzt, nicht vom mächtigen Freund, der sich Bravheit für Beförderung erwartet....