Mittwoch, 1. April 2020

Aufmerksamkeit 2009

Gelöscht 1 2023 KW

Glocken aus 2009

Glocken

-Ein Angebot der Bäckerei: "Schmandliebe" ist keine Puddingbrezel.-

In einem Lied von Klezmer-Revolution singt der Chor: "Vor Eurem Jahwe, Allah, Jesus habe ich keine Angst. Aber ich habe Angst vor dem, was Ihr im Namen Eures Gottes tut." 

Wenn Eure Glocken läuten, wenn Eure Priester singen und tanzen, wenn Eure Weisen zur Feder greifen, dann habe ich Angst um mein Kind. 

Wenn der Volksfreund weint, der Dichter zu psalmodieren, das Karusell sich lustig zu drehen beginnt, auch dann fürchte ich Dich, Mensch. 

Es sind nicht nur die Stammtische.

Was geschieht in einem Dorf in Rußland, wenn sich die Kirchenportale unter dem Läuten der Glocken öffnen und die Frommen sich sammeln? Die Juden verstecken ihre Kinder im Keller. Und wenn das Rodeo vorbei ist, steigt der KuKluxKlan auf die Pferde. 

Vergießt keine Träne für schöne Erinnerungen, wenn Ihr der Zukunft schreckliche ersparen wollt. Kein Gott will, dass Abraham seinen Sohn schlachtet. 

Eine Bekehrte weiß zu berichten, dass Gott für jeden eine persönliche Aufgabe habe. Sollte es irgendwo in den Wortschluchten Deines heiligen Buches stehen, sage ich Dir: das hat der teuflische Ehrgeiz eines Religionspoeten hineingeschmiert! 

Wenn es Gott gibt, hat er Dich zum Leben, nicht zum Funktionieren erwählt. Und schon gar nicht dazu, seine Geschöpfe zum Funktionieren zu bringen.

*

Es war einmal ein Kind. Es wurde mit Schmerzen empfangen und in Sorgen gewickelt. Unter Klagen der Mutter und Schweigen des Vaters wuchs es heran. So wünschte es, schon bald in die Welt der Freien und Sorglosen entfliehen zu können. Es lernte junge Männer kennen, voll phantastischer Hoffnungen und animalischer Sexualität. Einige davon flogen leicht durch das Leben, sie aßen Junkfood, rauchten, soffen und ruinierten ihren Körper auf alle erdenkliche Weise. Das gefiel ihr. 

Sie gebar ein Kind in den Schmerzen einer natürlichen Geburt und wickelte es in Sorgen. Irgendwie kam sie zur Stadtmission. Anhand der Begeisterung eines Vorpredigers lernte sie, ihre Vergangenheit, Herkunft, Familie zu verachten, ihre Freunde zu verlassen und einen Herrgott zu lieben. Jesus, mit dem kam sie irgendwo nicht zurecht. Er war so chaotisch. Richtig okay war eigentlich nur der Vatergott, der wußte, wie man zu leben hat. Drüben bei den Baptisten machten sie Jesus zu einem König. Wo blieb da der wahre Gott? Und bei den Katholen gab es einen seltsamen Mutterkult, der einer Frau keinen Platz ließ, nicht einmal im Gehorsam.

Wo war nur das Kind hingekommen? Sie hatte es über fröhlichem Entsagen und Gotteslob völlig vergessen. Nun: es nahm keine Drogen, beging keinen Selbstmord und studierte, wie man reich wird, um die Familie aus dem Dreck zu holen. 

Wird er nun Arzt, Manager oder beliebter Schauspieler? Wer weiß? Seine Freundin wickelt ihr Kind in Einsamkeit.  In Erwartung des Reichtums, in Klagen oder fröhliche Entsagung der Mutter. Ich kann mir keinen Gott oder Jesus vorstellen, der so etwas will.

*

Du fragst, was das denn für ein komischer Gott sei. Auch das weiß ich nicht. Ein komischer Gott als Bruder Jesus des komischen Menschen? Der oder die oder das würde mir schon gefallen. 

Es könnte zum Beispiel die Nummer 6 oder 79 auf Deinem Display sein, vorausgesetzt, Du hätest Deine Seele auf Leben upgedatet. Der System-Administrator ist es jedenfalls nicht, auch nicht sein Arzt oder Guru. Irgendetwas, von dem wir uns kein Bild und kein Weltbild malen können. 

Ja: gerne wüßte man, wo nur der Glaube oder Nichtglaube bleibt. Möglich ist Aufmerksamkeit.

*

Liebe ist kein verlogenes Versprechen, nur ist leicht stolpern in der Einsamkeit. 

A etwa. Er sucht wohl eine Begleitung durch die kalte Nacht Leben. Etwas davon spüren wir alle, wenn auch nicht so schmerzhaft wie er.

Oder B. Sie braucht eine Stimme, ein Lied im Schweigen. Tanzend gegen die sich schließenden Wände. Wer hielte ein Haus aus?

Oder C: Sie möchte das Wort von Dir aufgefangen hören, und zurückgespielt fühlen. Was wäre ein Garten ohne  Vögel?

Ein Teil der Liebe muß Ich heißen. Vom anderen singen die Ruhmsüchtigen.

*

Klaus Wachowski 30.08.09

Aschenputtel und das Glück 2009

Also, wenn ich da Bestzeit...

Märchen sind auch nicht besser als Barbie-Soaps.

An einem Hoftor hängt ein steinernes Gesicht, umrahmt von grünen, beschatteten Blättern. In früheren Zeiten hätte man ein bedeutend daher kommendes Bild davon gemalt und Worte wie Ewigkeit, Mythos und Größe in aufnahmewillige Köpfe gespült.
Es fehlt an einem Kind, darüber zu träumen. Und stünde es davor: Du würdest ihm die Welt erklären, -wie auch ich nicht anders tat. Man kann die armen Kleinen ja nicht der betrügerischen Welt überlassen, ohne ihren Verstand zu schärfen und -ihre Phantasie platt zu treten...

Einem reichen Manne, dem wurde die Frau krank. Die Ärmste verschied und das Kind weinte und blieb fromm und gut, wie es die Brüder Grimm liebten. Schon wieder sprang da eine Stiefmutter in den Reichtum und letzte sich und ihre bösen Töchter. Ätzend. 

Was sagt der König Kunde dazu? Nicht jeder hat ein Betriebswirt-Diplom. Der Gott der Brüder Grimm aber belohnte das arme reiche Kind mit Schönheit und bestrafte die Dummfaulen mit Häßlichkeit. Aber wer, der nicht Prinz oder ein Bohlen ist, konnte das unterscheiden? Das Mascara war wischfest und die Hysterie lächelte in schiefer Süße. Ja: schön und weiß waren sie von Angesicht, aber garstig und schwarz von Herzen. Ich sag nur: Party, party.

Was denkt da das Kind? 

"Wie schön, ein Märchen!" Es weiß aber, daß Böse oft auch häßlich sind. Und wie viele Schönheiten gibt es doch, die auch gut im Herzen sind, beten, sich verschleiern oder Ökoprodukte kaufen. Im Märchen ist alles klarer. Das macht doch seine Schönheit und gute Moral aus. Da rumst es im Orchestergraben der Gefühle und die Sängerinnen brüllen von Wagnerglück.- Weich wird der Gesang wie naßrasierte Oberschenkel. Komm, zieh die Vorhänge vor die Windschutzscheibe.

Wer mag es ersinnen, was sie ihr für Herzeleid antaten? Die schönen Kleider wegnehmen: - "schau, Germanys next Top-Model", spotteten sie und machten Handy-Fotos, wenn sie ihr die fetten Sahnestücke ins Adipositas steckten. Zum Joggen fuhren sie allein, klauten ihren mp3-player, schnappten jedes Sonderangebot, ohne die Prospekte weiterzugeben. Sie soffen und rauchten, dass es dem Hausfreund graute. Aber er traute sich nicht, etwas zu sagen, hatte er doch schon verbotener Weise mit ihnen geäugelt. 

Kurzum: sie war ein rechtes Aschenputtel auf jeder Conichi. Wer wollte mit so einer schon auf eine event-location. Selbst die krassen Mitschüler, die armen Würstchen die Hosen herunterzogen, Kippen auf Weichteilen ausdrückten und jede Gemeinheit ins Netz stellten, wollten sich mit ihr nicht abgeben. Tja: die lieben Kleinen von Bullerbü, die dem armen Schuster das Leben zur Hölle machten. Familiensinn nennt man so etwas bei der Camorra.

Das hätte also mal -ruckedigu- so recht ein Start ins Kriminelle sein können, zum Beispiel Hiphop und Amok oder wie hieß dieser koksende und singende Selbstmörder nochmal, aus dem die pubertierenden Girls ihren Jesus machen?

"Töpfchen, Töpfchen schüttel Dich", so seufzte sie oft unter den Brieftauben, die muntere Grüße der Mutter aus Kasachstan brachten, "wirf Gold und Silber über mich!" Niemand wollte ihr das Märchen vom Wunderbaum glauben, als die Steuererklärung fällig war. Sie war so weit, Amok zu laufen. Wo kämen die Märchen hin, wenn RTL bestimmen könnte!

Also: Gold und Silber ins Kröpfchen, her mit der Axt, um die Handys kurz und klein zu schlagen, damit die Mutter nicht noch auf die Idee kommt, Töchterchen einem Ölprinzen zu versprechen. Blutige Schuh im Schlußverkauf.

Wie schafft es das Aschenputtel nur, den neidischen Augen zu entwischen und mit dem von Deutschland gesuchten Superstar cubanische Zwischenknie-Tänze zu tanzen? Das Königshaus war geschockt. Aber als sie zurück kamen lag Aschenputtel mit ihren Noname-Klamotten in den Chips und im TV liefen elend lange Talk-Shows.
 
*

Mal ehrlich: Das stimmt so ja alles gar nicht. Die beiden Schwestern waren  doch ganz okay, so fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot, die linke Zecke. Sie wollten sich nicht verlassen, so lange sie lebten nicht. Und was setzte die arme böse Witwe und Stiefmutter hinzu? "Was das Eine hat, solls mit dem Anderen teilen." Doch auch nicht ganz so schlecht, das Godesberger Programm.
Denk einmal: Als sie einmal im Walde übernachtet hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem weißen, glänzenden Kleidchen der Brüder Grimm neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blickte sie ganz freundlich an und ging in den Wald hinein. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte das Englein Aschenputtel gewesen sein, das gute Kinder bewache und Hexen in den Backofen stoße.

Oder: hielten sie nicht das Hüttchen der Mutter so reinlich, dass es richtig geil war, hinein zu schauen? Im Winter zündete der Liebling der Märchendesigner, Schneeweißchen, das Feuer an und hing den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Da konnte Aschenputtel doch auch mal ein paar Linsen aufsetzen!

Wenn das Lämmchen blökt, steht der Bär vor der Tür und will Schneeweißchen zu Hochzeit holen. Soll sich die Mutter da etwa nicht freuen und die pariser Pumps über die Bauernfüße quetschen? Was heißt da Ruckedigu? Blut im Schuh kann jeder sagen, ders faustdick hinter den Ohren hat. "Schneeweißchen und Rosenrot, schlägst Dir den Freier tot", tobt da der Bär beim Bonding. Rosenrot aber kriegt den Bruder und ein Nußtörtchen dazu.
Was will der Zwerg dabei, Sack und Bart!? Morgen bringt er Aschenputtel der Königin ihr Kind. Unverschämtheiten ruft er: da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte Bissen, fett wie junge Wachteln. Der Bär gab dem gott- und erfolglosen, boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr. Weinbruder oder Loser: So muß man mit abwesenden Vätern umspringen! 

Nun kann man die Schätze teilen, die der Zwerg zusammen getragen hat. Nur das Aschenputtel, bulämisch oder adipös bis auf die Knochen, will alles für sich allein...

*

Schneewittchen gibt ihrem Prinzen einen giftigen Apfel zu essen, weil sie endlich herausgefunden hat, wer ihren Zwerg getötet und den goldenen Ball in den Brunnen hat fallen lassen. 

Wenn nun schließlich alles sich zum Besten gewandelt hat, kommt die Langeweile. Sie schlägt die Decke zurück und kuschelt sich an Dich. Süß flüstert sie Dir ins Ohr: "laß uns den alten Knacker die Treppen hinunter stoßen. Das merkt keiner." Du bist reich, Königin und Super-Model, die Reitbeteiligung ist unkündbar und der Spiegel sagt, dass Du die schönste Barbie im ganzen Land bist. So trittst Du vor die Ewigkeit, in die der olle Kaiser Wilhelm seinen Bart hängen läßt, als sei sie von deutschen Reichen oder kunstseidenen Märchen der Bravheit zu beeindrucken.

*

Wunder der Natur, dass Kinder sich von so groben Farb- und Moralklopsen, Schwarz-Weiß-Fernsehen der Spannungsproduktion, in Welten der Phantasie entführen lassen. Und die Erinnerung im Verein mit der Sehnsucht nach einer Welt des Friedens und der Freiheit und nach - Liebe - macht aus der Bilderpampe wirkliche Märchen, über die ein japanischer Weiser und Narr ins Grübeln und Nichtwissen sinken kann. Und nur deshalb sind die Märchen der Brüder Grimm und Co, die Stories von Barbie und den drei Fragezeichen, Perry Rhodan und dem Doktor vom Immenhof so gerechtfertigt wie eine Skizze von Jean Paul oder eine Fantasie von Anne Sexton. 

Alzey, den 23.08.09 Klaus Wachowski

Happy Jack aus 2009

Happy Jack

Wenn Du zwanzig Jahre Familie warst, willst Du auch mal Ich sein. Hans hatte sein Abi, ja sein Studium in der Tasche und sprang hinaus in die Welt.

Ein Stück seiner Freiheit schnitt er für die Firma ab. Da gabs Geld, Wohnung und Auto. Wie froh unser Hans da war: jetzt konnte für sich wohnen und hinfahren, was das Herz begehrt.

Aber was für ein Glück, als er von seiner Grete genommen wurde! Jetzt sagte er zur Freiheit "Autonomie", konnte er doch ein Haus bauen, viel mehr zusammen erleben und der bösen Einsamkeit entwischen. Und wie frei er war von der Welt und ihren Erwartungen!-

Was dann? 

Da gab es Kinder. Das war ein Fest: endlich konnte er all seine Gedanken weiter geben. Was war dagegen das Bißchen Freiheit, das er dafür tauschte. Er bekam ja so viel Glück dafür.

Zogen die Kinder aus, ach da streckte er die Beine unter die blitzende Harley Davidson und freute sich wie ein Schweinehirt auf Martini. Jetzt konnte er alles Geld mit seiner Grete verprassen. Sie kauften dicke Autos und machten die teuersten Diäten. Und wenn er morgens mit schwerem Kopf beim Alka-Seltzer saß, da freute er sich so laut, dass die Lehrer an den Nebentischen vor Neid ihre Kleinkinder anzischten.

Wer aber kann sich die Freude vorstellen, als er endlich, endlich in Pension gehen konnte. Es zwickte zwar hier und da, die Beta-Blocker machten flau und Grete zog zu Urmutter-Seminaren. Aber die Welt war weit und die verbotenen Äpfelchen lockten.
Wie gut er doch sein Geld angelegt und die Häuser vermietet hatte! Die Scheidung erledigte ein Tennisfreund für fast geschenkt. Er konnte seine Pflegerin aus jedem Land östlich der Neiße kaufen.

Wenn Du seinen Grabstein finden willst, mußt Du lange suchen. Die Erben haben seine Asche nach seinem Willen verstreut. Und jetzt sag mir: Wer hat mehr Glück aus seiner Freiheit gemacht?

16.08.09 Klaus Wachowski 


Hänsel und Gretel aus 2009 neu

Hänsel und Gretel- moderne Fassung

 

Die musikalische Untermalung trägt stets ebenso zur Unterhaltung bei wie die popkulturellen Anspielungen der Romantik.

 

Eigentlich hat ja Grit Deine Mom ermordet. Und schon lange vor 70 rief Dir Dein Gewissen einen Schauder zu.

 

„Aber die Schwiegermutter wollte doch ihren Mann fressen!“ Glaub dch das nicht: Alte Leute wollen nicht mehr töten!

 

„Würstchen“, rief es vom Häuschen aus Zucker und Lebkuchen. Hier traf sich alles, was Rang und Namen hatte auf einen Schlag Senf vom Kant. Es half nicht. Die Würde hat keine Muskeln und vom Stammtisch trommeln Hass und Gelächter auf den Bierbauch.

 

Es war doch so: Hänsel und Gretel gingen mit Stock und Hut hinaus in die Welt. Der Ruhm fletschte märchenhaft die Zähne. Sie rannten los und die junge Frau warf den Schleier von sich, Gelbe Säcke und obdachlose Väter am Wegrand.

 

Die Steine glänzten, von oben antworteten die Sterne. In den Bäumen des schwarzen Waldes sang der Wind vom ewigen Leben. Hatte sich Gott hierher verirrt, von der Heimat gekreuzigt zu werden?

 

Etwas bricht durch das Unterholz. Es stimmt, was die Erzähler schreiben: Borsten, Hufe, Zähne. Nach allen Seiten flieht das Getier.

 

Hänsel horcht. Aber nur das Schlagen einer Axt ist zu hören. Er sammelt die Steine auf, wirft sie hoch zu den Sternen. Sie wollen nicht in das Haus des Terrors zurückfinden, in das Herz der Herrschaft.

 

Urmutter lutscht am Hühnerknochen. Und ihre Schwester wirft ein Netz von guten Noten aus nach frisch gepflückten, naturblöden Söhnen und Töchtern. Wer war es,  die oder der das Feuer im Brandbeschleuniger entfachte? Sieh die Lava in Jamaika! Männer ermordet von Muttersöhnen.-

 

Mit der Geburt wirst Du Vater, das ist: der Ausgestoßene. Aber was nur kann eine Mutter tun, nicht stief zu sein?

 

Der Trödler vom japanischen Flohmarkt wirft sein Herz vom Dach des Hotels Einsamkeit. Der Schatten, aus dem er hervortritt, quillt aus einem Kübel Spiritualität, Bewusstsein und Wellness.

 

Da ist ein schwülstiger Hiphop von der falschen Uhrzeit in der U-Bahn. Du lernst die Angst, die Glauben macht. „Wir werden den Weg schon finden.“, hofften die beiden Literatenkinder, während eine unglaubliche Wut hinten die Fenster des Zuges zerkratzte.

 

Aber sie fanden den Weg nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus Wald und Wahn und Wagner nicht heraus, verirrten sich in önologischen Katakomben, wie ein Maschinenring auf Kreuzfahrt.

 

Und weil sie so müde waren, legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

 

Als es Mittag war, sahen sie ein schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Uns ruft das Käuzchen eine blaue Pille in den Blutdruck. Die Katze Richard aber fragt: „Was ist das: „Gott vom ersten Wort?““

 

"Wer ist da?": Einen Vers warfen sie nach dem Schmerz der Lust aus, die nach Knusperkindern lechzte: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“ Aber das fachte das Feuer erst richtig an.

 

Die Alte war aber eine Schluchze, die für gewöhnlich jungen Säufern und Partybomben auflauerte, um sie zu vernaschen.

 

Geil! Da war das Hänsel aber zu schwach, hatte nicht Bizeps noch Waschbrettbauch. Außerdem redete er Dialekt, was echt nicht geht. Und das Gretel wußte nicht, wie es mit dem Euro Putzgeld all die Steaks und Amphetamine zum Body-Styling besorgen sollte.

 

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, die Alte knackte die Shrimps, aber Gretel bekam nichts als chinesische Nudeln.

 

Spar nur dein Geplärre, sagte die Alte. Gretel fühlte sich gehänselt und - reagierte brutal. Die Erblasserin musste elendiglich verbrennen. So hilft sich ein angehender Lifestyle-Coiffeur.

 

Grausamkeit gegen Verbrechen. Da schaudert‘s dem Kind. Ob die brave Gretel immer nur alte Frauen ins Feuer stoßen wird? Von Grit lernen: es bedarf nur der passenden Begründung, Orgien der Mordlust zu feiern.

 

Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Tür aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich natürlich geküsst.

 

Hier schwimmt eine weiße Ente, sagte Gretel. Wenn ich sie bitte, so hilft sie uns hinüber. Weiße Vögel lieben es, in Märchen Glück zu bruzzeln. Nur manchmal streift der Schatten eines riesigen Flügels unsere Hoffnungen. Schrei des Raben.

 

Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen in der Villa Vologda. Die Zikaden beugten sich unter der Lust und rieben schmerzhaft Knie an Knie, um zu zirpen, damit der Hans zu seiner Grete kommt.

 

Die Menschen aber lecken sich noch heute die Lippen, wenn sich ein Märchen auszieht, das Fürchten zu lehren. 

 

10.08.2009, überarbeitet 2024

 

Ergänzung 2023

 

"Einhörner sind entgegen ihres lieblichen Erscheinungsbildes aggressive Kreaturen, die innerhalb eines Augenblicks in Raserei verfallen können." (Konstantin O. Boldt: Fast verschwundene Fabelwesen) Lieber doch nicht Kind von Künstlern sein.

 


Dienstag, 24. März 2020

aus 2009 Poetry-Slam

Ein Poetry-Slam wird aufgebaut. Worte in gereimten Klumpen fallen aus Menschen, die Du für Nachbarn gehalten hättest. In der VIP-Lounge applaudieren zahnlose Zuhälter an der Seite bissfester Prominenz. 

Wir gehen als die von Bratwurst aufgedunsene Begleitung des menschlichen Faktors Platz begehrt.

18.04.09 Klaus Wachowski

Montag, 23. März 2020

aus 2009 Linie 4

Linie vier 

in den Fenstern der entgegenkommenden Straßenbahn die gleichen Passagiere wie vor vierzig Jahren. Der gleiche Regen lässt meine Wurzeln faulen. Ich sehe die Armut in den Kinderwägen, und im mürrisch hinein blickenden Gesicht verbitterte  Sehnsucht. 

Die jungen Männer lachen und stupsen und schnauben. Kichern und Kickeln bei den jungen Mädchen. Eine nicht viel ältere Frau im Kopftuch tauscht mit ihrem strengen Begleiter von der Bartstoppel Zungenküsse. Der Fundamentalismus ist auch nicht mehr das, was er einmal war. 

Alte Männer, Begleiter von Einrichtungs- und Einkaufsprojekten ruhen aus in von Möbeln entleerten Gedankenräumen, Frauen rasten auf der Flucht vor dem Schweigen der Wünsche. Es geht durch die esoterischen Labyrinthe der Kaufhäuser, man zieht sich an den Felsen von Designer-Shops aus dem Meer der Anonymität. 

Die Tram fährt weiter in die Schnäppchenmeile 70%. Hier treffen sich Kichern und Spähen, Lust und Scham, die aus dem Elend der Provinz in die Schluchten der Stadt flohen. Hier im Feuchten schwillt der Schimmel der Kultur. Hier blüht irgendwo die Blume Deiner Erlösung. Die Kirche der Heiligen von der Fleischeslust öffnet ihre rot leuchtenden Tempel, die Priester von der Goldkette und die Priesterinnen vom Arschgeweih erleichtern Deine nach Berührung brüllende Sehnsucht. 

Im städtischen Dampfbad schrubben zwei gefaltete Heilpraktikerinnen einander die Lust aus der Haut, als sei sie vom Satan entzündet. Der schleicht einsam durch die duftenden Aufgüsse des Saunameisters. In der Ruhezone versenken sich schließlich alle in die Phantasien von Roman- und Skandalfabrikanten. Sie fliegen, stürzen und landen schließlich doch weich in der Liebe, sie kämpfen tapfer und siegen gegen das Unrecht in der Welt. Sie ermutigen sich zu Liebe und sie ermuntern sich zu Hoffnung. 

Endstation Hauptbahnhof: Linie 4 kehrt um. Bist Du bereit für nach Haus? Für die Berührung im Whirlpool Familie? 

Fliegen wie schön, vom Nest aus! 

Und was gibt’s im Fernsehn? Man darf zusehen wie Fledermäuse in der größten Höhle der Welt fliegen. Kot von millionen Exemplaren, der von millionen Schaben wimmelt. Man sieht wie eine Fledermaus in Kot und Schaben versinkt, zuckt, zersetzt wird. 

Das Kino gibt den Vorleser von Schlink. Sex and Crime macht die Deutschen ganz hektisch, wenn sich heraus stellt, dass die erfahrene Liebesmutter Killerin bei der SS war. Romantisches Geschichtenbasteln. Ein billiger Plot macht Kasse. Wer fühlt bekommt in all der Begeisterung an Sex und Nazicrime ein Gefühl wie eine in Kot und Schaben verzweifelt gegen das Versinken kämpfende Fledermaus in den Batu-Caves. 

Ist es das, was wir im Ruheraum des Wellnessparadieses über unsere heißen Steine von der Hoffnung gießen?  

Klaus Wachowski  07.02.09