Mittwoch, 11. Januar 2023

aus Blog 2011 Politisch-Philosophisch

29.11.11 Allgemeines

Es wäre einmal interessant, Hannah Arendts Entdeckung des gesellschaftlichen Auftretens von Paria und Parvenü in der ersten Emigrantengeneration der Verfestigung in Spießer und Narziß bei Eingeborenen und Integrierten gegenüberzustellen: Was geschieht und was hilft von

Paria und Parvenü. zu Spießer und Narziß.
 *
Sie verkehren in ersten Kreisen und verachten ihre Aufgabe.
*
Das Verbrechen der nordkoreanischen Diktatur, aus Menschen Roboter zu machen, kenne ich sonst nur aus den Familien des Bildungswahns.
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Rhetorik: Sie lernen Techniken, statt Haltungen einzuüben. Herrschaft versus Kommunikation.
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Ausflug ins Primitive: Wenn Aspekte um Sarrazin scharwenzeln.
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Hast Du Meinungen oder Beziehungen?
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Vor dem Neandertaler war der Mensch.


Verrat am Atheismus 5.12.11

Am  Abgrund der Grandiosität gesprochen.
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Gab es denn eines vor der Berührung?
Der Mond leuchtet als eine weiße Scheibe aus den Reiseberichten des Basho. Es fliehen Seelen aus Scherenschnittpapier. Der Denker hat einen sensiblen Zeichner an der Hand. Seine Gedichte rascheln wie vertrocknete Blätter.
Im Gesang der Nachtigall höre ich dagegen manchmal die Stimme eines chinesischen Dichters.
*
Faules Mitleid am Ichiburi-Paß.
Eine Bestätigung meiner Einschätzung von einsamer Suche eines leeren Herzens bekomme ich beim Lesen seiner Notiz über einen Aufenthalt am Ichiburi-Paß. Hier verweigert der Mann im Priester-Gewand zwei allein reisenden "Liebes"dienerinnen seinen Schutz. Einige Episoden vorher hatte er sich bereits über die Liebesblödigkeit eines Bauernmädchens lustig gemacht.
Woher kommt mir nur die Verehrung des Alten? Wie liebesblöde Mädchen falle ich auf die Versicherungen von Verwaltern der Kultur herein. Was die faulen Komplimente der Medien und die feindlichen Übernahmen durch den Betrieb überlebt hat, das müsste doch Bestand haben!- Aber von uralt her setzt sich doch stets auch das dick Aufgetragene, Verlogene und Leere durch.
Das darwinsche Gesetz vom Sieg des Unbarmherzigen zeigt sich im Geistigen als Gesetz der Wurstigkeit. Auch hier herrscht der Wille über die Urteilskraft, Promotion über Motion. 

Nehmen wir doch die Schere! Schneiden wir diesen Mond in Stücke!
Sieh den Tanz vor dem Fuji im letzten Teil des Films "Kirschblüten, Hanami", in dem Doris Dörrie und den beiden Schauspielern ein bleibender Ausdruck von Liebe, Erfüllung und Weh der Trennung gelungen ist. Was davon findet sich in den kunstvollen Künstlichkeiten des Basho? Aus der Ouse klingt es wie Sehnsucht und Einsamkeit. Virginia öffnet den Frühling mit einem Kreis von Vogelstimmen.
In einer aktuellen Ausstellung dagegen werden "Texte von Reiner Maria Rilke, aber auch Plastiken" gezeigt.
Das also bleibt:-  Das Huhn, das goldene Eier legt (wie Karl Kraus mir aus der Seele sprach). Gemütsbommel und Plastinator. War es im alten Japan anders?
*
Wieviel Zeit bleibt uns noch?
Was werde ich in meiner letzten Stunde denken, wenn Schmerz und Furcht es zulassen? Was sind all meine klugen Erkenntnisse, Wahrheiten, Begeisterungen?
Nichts wird bleiben.
Alles wird bleiben: Materie, Leben. Und: Liebe.-
Wenn das Sterben einen letzten Gedanken zulässt, wird Liebe mit der Trauer gehn.
Basho wandert durch Berge und Täler des Hinterlands. Es sind nicht gerade viele Erscheinungen die beim Eindringen des Lichts in den Glaskörper seiner Seele aufleuchten: Er sagt „Schloß", „Berg" und „Tal", da hat einer ein "großes" Gedicht geschrieben. Da tropfen Tränen um die alte Zeit, während das Pferd neben seinem Kopf seinen Urinstrahl rauschen läßt. Der Mond bescheint eine gespenstische, von Ruhmsucht dürre Einöde.
Ich lese das Gedicht "Karfreitagskind" des Georg Trakl, in dem ein Wort der Wehmut aus der Tiefe ruft. "Wo du gehst wird Herbst und Abend". Ich lese ein Gedicht aus dem Haiku-Automaten Basho. Er versucht sich in alten chinesischen Dichtern, die sich zu ihm verhielten wie die Weide an einem chinesischen See zu einem Sushi-gewickelten Bonsai.
Die Prosa der Kawabata und Inoe aber, das Japan ab dem 19. Jahrhundert findet zum Ich. Die Seele als räumliches Gebilde.
Im Regal steht nun Woolf neben Basho. Der Unterschied heißt "Liebe". Es scheint so, dass die Liebe erst dort erscheint, wo das Individuum hervorkommt. Wie aber das Individuum sich über das Individuum erhebt und Narziß zum Amok wird, so wird andererseits die Liebe zu einer erneuerten Herrschaft der Beziehung und der Familie benutzt.
Doch ist selbst dies nicht besser als der Weg ins Nicht-sein-wollen, der dem Buddhismus den Weg insbesondere in Gesellschaften des Zwangs bahnte.
Das Kastensystem wurde überwunden. Aber nicht zur Verwirklichung der Seele im Dschungel der Welt, sondern zu ihrer Unterwerfung unter die Gegebenheiten, zum Verzicht auf das Recht, Ich zu sein. Leben sei Leiden und deshalb aufzugeben. Was antwortet das Leben?

"Ja, Du wirst alles verlieren!
Ist es deshalb Nichts?"
"Ja, da ist Leiden. Warum willst Du die Freuden noch nicht einmal als Geschenk annehmen?"
Ich sehe den Film Revolutionary Road über einen Liebeskonflikt in den 50er Jahren. Ein Film der Gefühle. Basho erscheint immer fremder. Als sei ihm Liebe nur eine pubertäre Verirrung, die von schwachem Intellekt zeugt.
Ein Fürst, ein reicher Freund, ein Pferd, die Sippe und das Dorf, ja die Meinung der Nachbarschaft sind ihm mehr wert als Frau und Kind. Das Ich ist nur insofern von Wert, als es sich in den Dienst einer Sache stellt.
Mir ist es wichtig: das Erleben des Lebens. Erst dadurch wird mir das Erleben der wie aus dem Nichts kommenden, wie ins Nichts gehenden Natur zum Wunder, erst dadurch erlebe ich die Einsamkeit als schön, aber auch als schmerzhaft. Erst dadurch erhält der Regen, der jeglichen Tag regnet, seine dunkle, zehrende Trauer, der Mut der für ein Anderes Sterbenden Bewunderung und der Selbstmord der Verzweifelten -anders als der der gedopten Ideologen- unser Mitleid.
Wie oft erscheint so mancher dröhnende Selbstmord doch als Ausdruck von Unreife, Langeweile und Narzißmus, weil dieses Ich sich ja nicht von einer schmerzenden Welt frei macht, sondern weil es seine ästhetischen und ideologischen Wünsche nicht erfüllt sieht (Mishima).
Das Geschenk, all dies um uns herum und in uns mit Sinnen und Bewusstsein erfahren zu dürfen- der Dichter Basho geht hindurch wie besoffen, dichtet in mäßiger Berührtheit. Breites Wissen in der Landschaft, interessant bis zum Abwinken. Die Gedichte klappern von Konstruktion. Die in einen Wattebausch von Bildung gewickelte Einsamkeit läutet wie eine tönerne Schelle aus jeder Notiz dieser Reise.
Mein Gott, Buddha! bedenke: was Du da sagst, soll doch ein Ich hören...
*
Vom Willen gepeitscht, vom Wunsch nach Herrschaft und größerer Herrschaft, peitschten sie ihre Brüder und Schwestern als Sklaven. Vom Willen gepeitscht sehnten sie sich nach Erlöschen des Willens.
Sie ritten durch das Chaos von Schmerz, Angst, Hass und Misstrauen, das sie geschaffen hatten und sehnten sich wie Nazi und Stalinist nach dem Nichts, vor dem es keine Verantwortung gibt.
Drei aber folgten einem Stern nach, der Liebe leuchtete. Und sie fanden Gott, den Menschen, in einer Krippe liegen. 

Sie hörten den ersten Schrei.

30.12.11 Brüderlichkeit und Freiheit
Zu Ägypten

Brüderlichkeit ohne Freiheit und ohne Gleichheit,

das ist oft, was bürgerliche (richtige) Revolutionen im ersten Aufbrausen erzeugen.

Die glorreiche französische Revolution endete -nach dem Terror des moralistischen Weltbilds- in der nationalen Sackgasse Napoléon, der den Beginn zur Vernichtung der Republik durch Imperialismus riskierte.
Die argentinische Revolution nach der Diktatur, die osteuropäischen Revolutionen zogen ins nationalistische oder rückwärtig-stalinistische Gefühl am Lagerfeuer, an dem doch zumeist der Neandertaler sitzt. In Deutschland-West war es der warme Herd der autoritären Adenauer-Strauss Republik.

Ägypten, wo sich die alte Herrschaft gegen das neue Sicherheit- und Ruhe- Bedürfnis in der Sehnsucht nach konservativen Traditionen wehrt, haben Freiheit und Gleichwertigkeit ebenfalls einen schweren Stand.

So lange keine ideologische Zuspitzung zum Fundamentalismus, (wie in der nationalen Sehnsucht: zum Faschismus der betonierten Standesgesellschaft), stattfindet, ist die Republik zwar in Gefahr aber noch zu retten - durch Widerstand der nicht beachteten Sehnsucht : Freiheit und Gleichwertigkeit.

Zu Nietzsche 

Dienstag, 15. November 2011

Nietzsche, das Problem der Freiheit

Nietzsche
Das Problem Freiheit

Gott ist tot. Soll sich die Sonne also um Friedrich Nietzsche drehen. Hallo! Ich bin sterblich.- Was soll ich mit Ratschlägen für gelangweilte Unsterbliche?


Was dem Philosophen Parerga und Paralipomena sind, ist Nietzsche die Hauptsache. Umwertung der Werte. Talmi zu Gold: was Unwert war wird dem Willosophen Wert.

Ein Alleinunterhalter auf der Kleinkunstbühne der verlassenen Philosophie. Dabei weniger Schauspieler, eher Beleuchter, der uns die Welt in einem interessanten Licht zeigt, wie Wagner es mit Musikschmier tut. Den Dichter der Welt, das Ich und Du, würde er gerne tot sehen. 

Ich stehe eher auf Sokrates: Die Welt des Wollens ist mir Westkurve: laut, brutal, tierisch gut drauf. Ich will verstehn (das Forschungsmotiv der Hannah Arendt), nicht beurteilen. Das kommt von alleine...

Fühllose Freiheit kann temperamentsbedingt kaum mit Musikgemüt Wagner noch mit Leiden-und-Mitleiden-Schopenhauer. Umgekehrt erkennen sie in ihm den oberflächlichen und kalten Chaoten.

Es ist mir schwierig, Animositäten aufrecht zu erhalten, wo Freunde sich freuen. So hat Richard mich für Klassik- und Katzenfreunde gezähmt, der Pfarrer R für Gott, der Brieffreund W für Theleweit und nun macht der Flaneur durch die Geisteswissenschaften S (nicht Sl) meinen Hass gegen Nietzsche stumpf. Viel mehr Freundschaften kann ich mir nicht erlauben, wenn ich erkennbar bleiben will.

Bis auf den Respekt vor dem Recht Freiheit trennt mich inzwischen fast alles von Nietzsche. Bis 30 reizten mich noch seine bunten Wortbildungen, ab dann lernte ich unterscheiden mit Karl Kraus: die verblödende Wirkung des Malerischen und Musikalischen am Wort von seiner dichterischen Belebung.

Ich lebe mein Leben frei, nach seiner Devise, aber meine Sehnsucht geht auch auf Menschen: Als Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft. Und auch Mitleid hat Wirkung bei mir, sowie, leider auch Bosheit. Ich spüre es weder als fremde noch als unerwünschte Kraft. Sie alle, die er als Ketten empfindet, fühle ich als zu mir gehörige Freiheiten. Bin ich auch nicht die Bewegung, so ist es doch Ich, was sich hier in Bewegung zeigt und - fühlt.

Was bildet er sich auf seine Einsamkeit ein? Wie oft hört man diese gelangweilt klingende Klage!- Hat er denn einen Wert außer der Freiheit, um dessen Verlust er klagen könnte? Eine Liebe, nach der er sich nicht einmal sehnt - legt sie das Ich doch in Fesseln -, wie könnte er die Weite und die Tiefe des Schmerzes erfahren, kennen, den er als ein Irgendwie von Einsamkeit nennt?

Ich sitze hier am Rand eines Arbeitslebens, von dem aus ich mit immer größerer Geschwindigkeit der Zeit ins Alter geschoben werde. Was kann mir einer sagen, um mir oder meinem Willen eine Richtung zu geben? Kommt mir schon frech vor. Denn ich bin frei in einer freien Republik, er schimpfte aus dem Willen eines Ruhmlosen zur Herrschaft heraus.

 

Im Schaufenster eines Antiquitätenladens, der selbst recht alt aussieht, sehe ich die Ölbilder eines provinzweit bekannten Heimat- und Establishment-Malers um 1900. Er nimmt seine Grün, Grau- und Brauntöne sehr ernst. Er malt versunken ins Motiv. Natürlich kommt er nicht gegen eine gute Farbfotografie an, und auch seine heimlichen Verfremdungs-Effekte sind locker von einem PC-Pinsel zu übertreffen. Aber es ist nicht nur die Spur, sondern die Komposition einer selbst -und wie anders als von Sehnsucht- bewegten Seele. Aber Abends sehe ich in die tausend verschiedenen Blätter meines Apfelbaumes hundertgrün. Was ist wahr? Was ist schön? Immer schöner, keine Antwort zu wissen.


Was soll ich mit 60 noch einmal in Nietzsche hinein schauen, der in einem Alter starb, in dem ich die  Wehmut, Ernüchterungen und den Beginn der Knochenmühle Alter noch nicht ahnte. In dem mir auch die Lust an dem verloren ging, von dem N so begeistert ist: Egomanie. Ich will ja immer weniger wollen, immer eher wissen.

Vom Wissenwollen habe ich aber schon viel bei Schopenhauer, Hannah Arendt und Sokrates bekommen. Philosophie interessiert mich daher ebenso wie Religion vor Allem, wo sie die sich einstellende Selbstgefälligkeit stören, wie es die Begegnung mit meinem Elias Richard Weber und einem geheimen Freund  vom Zweifel erreichten und erreichen. Gut zu wissen und zu erfahren, dass es auch noch Männer von Geist und Sensitivität und Zweifel -auch am Zweifel- gibt.

Der größte Teil ist Willenserklärung, der kleinste Suche nach Wahrheit. Wo das Bekenntnis beginnt, endet die Philosophie. So bei Kant, der an dem Punkt, wo die Gewißheit gleich Nichts ist, Gott "setzt", nämlich ohne Wissen glaubt. Sein Übersetzer Schopenhauer endet mit der Erklärung, dass das, was die Welt wohl ist, am Besten als Willen zum Leben zu begreifen sei. Sein -unphilosophisches- Bekenntnis geht auf Buddhismus hinaus: Wille sei Leiden und am Besten wäre es, Leben überhaupt zu vermeiden. Das Christen- und das Judentum erscheinen ihm wegen einer optimistischen Tendenz verächtlich. Verachtung? Das gefällt dem schimpfenden Egomanen Nietzsche, der nach dem Ende der Philosophie naturgemäß nichts Neues an Weisheit beizutragen hat, sieht man von den Lebensweisheiten einmal ab, die nach Schopenhauer ja so zahlreich sind wie Brombeeren im Herbst. Er nun entscheidet sich mehr für die optimistische Betrachtung des Lebens, um so seinerseits die Pessimisten, Christen, Juden, Buddhisten und Schopenhauer beschimpfen zu können.


Aber wie kann ein Philosoph des Willens, des Handelns glauben, dass die Menschen in Jahrhunderten angestrengten Nachdenkens, Fühlens und Handelns nicht schon herausgefunden haben, welchen Wert Freiheit hat?

Dass nämlich Freiheit im Fall ihrer Herrschaft zur Willkür von Herrschaft und zur Vernichtung drängt. Gibt es eine größere Freiheit als die, Freiheit und Leben des Mitmenschen zu vernichten? Dass Freiheit also nur Freiheit auch von Herrschaft sein kann, wenn sie die Freiheit des Anderen als gleichwertig voraussetzt und auch den Wert des Anderen als einen brüderlichen achtet.

 

Die Wut des Nietzsche gegen die Würde ist naturbedingt: Im Begriff der Würde der Person sind neben der Freiheit auch die beiden Werte Gleichheit und Solidarität mitgedacht, die dem Philosophen der Willkür so schwer in den Arm fallen.

Etwas hat er mit Marx gemeinsam. Den Wunsch, die Philosophie umzuwenden, die Werte umzuwerten, eigentlich: Philosophie, nämlich Liebe zur Wahrheit, in Lust an Willen und Macht zu verwandeln. Was wissen denn diese Spaaßphilosophen (nach Schopenhauer) denn, was wollen sie wissen? Auf jeden Fall nicht die ganze Wahrheit ! Nur, was nützt, interessiert gleichermaßen den platten Materialisten wie den platten Voluntaristen. Hatte sich die Philosophie unter Kant und Schopenhauer von der Religion befreit, deren Magd sie gewesen war, wird sie nun Sklave von Ego und Klassen-Ego, Hure aller Weltbilder.

Ist die Entfernung  zwischen dem Ideologen der Gemeinschaft und dem Weltbildmaler der Freiheit denn größer als die zwischen den Beiden und dem Philosophen, dessen Frage doch nach dem Sinn hinter Allem geht, der Wahrheit in Allem und mir?

Nur wenige Geister der Ausnahme hatten in früheren Zeiten die Gelegenheit, eine philosophische Haltung zu entwickeln. Nietzsche kam gar nicht in das Alter, in dem Philosophie nicht mehr Mittel irgendeines Glücks, sondern bloß Interesse am Wissen hinter allem Wissen ist. Karl Marx kam durch den Erfolg seines Glücksmodells nicht mehr dazu, sich weiter zu interessieren.

Ich will wissen. Das war der Inhalt eines anhand der grausigen Menschenmöglichkeit ins Fragen gestürzte Lebens: Hannah Arendt.

Heute im Zeitalter von Glatzen, Tribals, Rottweilern und der Mafia als Familenmodell wächst das Interesse an egomanen Ausrufungen der Willkür wieder. Nietzsche wird wieder interessant, Hamsun! Welchen Jux kann man sich auch aus einem Leben der Vernunft oder des Blues machen? Das Ich-Ich! des Nietzsche ist doch der philosophische Kulminationspunkt einer Gesellschaft von Synchron-Grillern und Superstars.(P.S.2022: Und schau an: das "Wir zuerst" des Mussolini-Fans Trump!)

Als ich auf dem Weg zum Brötchenholen mir meines Alters gewiß werde, mir all die Weisheiten vergegenwärtige, die man mir eben wegen meines Alters zum Lesen empfiehlt, denke ich: muß ich mich noch einmal ernsthaft mit dem Verräter an der Philosophie und Hypochonder des Ego befassen, der einen ganz besonderen Lebensentwurf aus sich ziehen mußte, wie es für gewöhnlich zwischen 30 und 40 geschieht, der eine wesentliche Wahnvorlage für das Hitlerprojekt und ein Lustbrevier für Faschisten lieferte?

Ach ja, Mussolini!? Die schwarzen Fahnen der Anarchie und die schwarzen Hemden der faschistischen Killertrupps. Wie kommt der Anarchist Mussolini zum Faschismus? Wie die Freiheit ins Mittelalter: wer ist freier als der Herrscher im Mittelalter? Und wo sind Volk und Knecht zufriedener als dort, wo Dein Platz mit Ketten und Rosenkranz gesichert ist?

Aus dem Garten singt die Amsel:"Freiheit!" Die Katze wischt sich den blutigen Mund und schnurrt: "Ja, sie hat Geschmack!" 

Von der Republik aus ist der Weg in die Welt Nietzsches nicht viel kürzer als der in die irgendeines philosophierenden Neandertalers, der noch keinem Cro Magnon begegnet ist. Natürlich ist der Mensch auch Tier! Aber was ist daran der Bewunderung wert? Er ist Ich! Aber was ist Du? 

Die Liebe hat sich an den spöttischen Sprüchen des Ego-Shooters in einem Vulkanausbruch von Einsamkeit gerächt. Was kann ein frei und in gleichem Recht geborener, eingebunden in eine solidarische Gemeinschaft, von einem nach Ruhm und Herrschaft kratzenden Professor lernen, der an Wagner das Verblödende, Musikalische liebt und nicht einmal so viel Freiheit der Vernunft aufbringt, den Beifall von Rassisten zu scheuen.

Und wie primitiv der Einwand gegen Gott! Ist er schon nicht in den Konzentrationslagern der "gottgläubigen" Menschenhasser gestorben, wie sollte ihn das Wort eines ins Nichts erigierten Willens treffen? Gott ist doch nichts als ein hilfloses Wort für das nicht erkennbare Ding an sich, bis zu dem -und nicht weiter- das geringe Wissen der Philosophie mit Kant vordringen konnte.

Wieviel Mut gehörte im Zeitalter des schwindenden Glaubens dazu, einen längst harmlosen, längst aufgegebenen Begriff in der Geste des Märtyrers zu zerreißen?

In einem in glühender Hitze liegenden Feld stechen arme rumänische und Roma-Frauen Spargel für die Guormetlutscher am Synchron-Grill. Vielleicht fällt einem von den Genießern etwas von Nietzsche dazu ein. Etwas Umwertung der Werte, oder Wille zur Macht? Natürlich nicht von Menschen, die der Herrschaft zu dienen bestimmt sind. Vielleicht etwas von freier Gestaltung des Lebens, etwa von Spargelatoren? Wer soll hier Dichter seines Lebens sein, wo Not und Vertrag nicht einmal Zeit für eine Frühstückspause lassen? Das wäre doch Allzu-Nietzsche.

Der alte Witz hat etwas Wahres: "Was Gott!? Nietzsche ist tot!-"
Was wäre schlimmer?

Sokrates zu Nietzsche

Unter meinem Apfelbaum
hör den Nietzsche wüten:
"Freiheit" ruft der König Brüll,
streut verblühte Blüten.

Ich bin es, der mein Leben fragt,
wer wagt es mir zu raten!?
Welche von seinen Haßtiraden
hilft mir, wenn mein Tod einst tagt?

Wo Wut und Wille in die Werte schlägt,

 

nicht Schmerz noch Trauer sich im Ehrgeiz regt,

wo schillernd starke Worte wehn

Herz und Verstand sich nur um Wollen drehn

will ich (mit Hannah A.) -

verstehn.

Schopenhauer zu Nietzsche

Was kann einen Menschen so gegen Mitleid aufbringen? Seltsamer Thersites, der "Freiheit" ruft und "Herrschaft" zugleich.-

 

Nun auch ich befürchte, dass bei Heraufkunft der Republik das wohlgeordnete Gefüge der feudalen (heute sagt man wohl "faschistischen") Ordnung des Terrors abgelöst wird, wie wir doch in Frankreich gesehen haben. Ein Dschungelbewohner ruft nach der Herrschaft der Bestie... Das ist doch: dem Menschlichen das Unmenschliche entgegen setzen! Spaaßphilosophie!-

Wäre er Philosoph, so wüßte er aus meiner Preisschrift davon, dass das Pendant zum Mitleiden nicht der kollernde Egoismus ist, sondern die Lust am Bösen, Schadenfreude.

Gewiß, der Mensch ist Fabrikwaare der Natur und muß durch eine starke Ordnung gebändigt werden. Aber der Sinn des Lebens, das "Was" daran, ist eben nicht das Streben nach Macht, sondern nach meiner Entdeckung dumpfes Wollen, Wille zum Leben überhaupt, und das ganz und gar. Und auf der anderen Seite der Münze ganz und gar vom Willen freie Erkenntnis. Wie kann Einer so unverschämt sein, nach meiner Entdeckung des Willens zum Leben als dem, was Leben "an sich selbst" ist, diesen umfassenden Begriff auf einen seiner Aspekte zu strammieren und aus dem Philosophieren ein Moralprotzen und Unmoralprotzen zu machen wie in den unseligen Zeiten vor Kant oder Sokrates, als der Mensch noch unter gewölbter Stirn und grunzend ins Feuer blickte.

Und wer noch nicht genug hat, dem sagt  Nietzsche ein besonders schmutziges Bröckchen Willen aus seinen Schriften  als Schimpfwort: "Polnische Juden"


KW 15.5.2011

1.Mai 2011 Gleichheit

Von der Gleichwertigkeit der Person zur gleichen Entlohnung. Wer will das noch? Das denke ich vom Standpunkt eines nach Oben Gelangten aus.

Und bin überrascht von der Begeisterung der alevitischen Familien zum 1. Mai. Hier gibt es ja Hoffnung! Hier geht es noch um gerechte Teilhabe.

Wie war das damals? Wie war das vor dem Abstieg vom gleichen Lohn zum gerechten und vom gerechten Lohn zur Leistungszulage, zur Spaltung der Beschäftigten in Privilegierte und Underdogs? Das Bewusstsein ging doch auf eine gleichmäßige Eroberung  eines größeren Teils am gesellschaftlichen Wohlstand.

Mit der Liebe und dem Familienglück setzte sich der von Adam Smith, Karl Marx und Friedrich Nietzsche gleichermaßen anerkannte Egoismus und Familienegoismus gegen das christlich-anarchistische Solidaritätsgefühl durch. Die Partei wurde vom Organisationsinstrument von Ideen zur Beförderungseinrichtung von Funktionären und zur Versorgungsanstalt von Freundes- und endlich Familien-Clans. Wir ließen es uns nicht immer ungern gefallen. Kamen doch auch wir weiter.

So stehen wir wieder am Beginn der 60er Jahre mit dem Bewusstsein privilegierter falscher 50er. Noch wartet die Jugend geduldig bis besoffen an den Party-Stränden des all-inclusive. Es ist eine Frage der Zeit, bis sie unsere schönen Einkaufspassagen, unsere schläfrigen Kultur- und Gedenkparks, unsere gähnenden Gedankenarchitekturen einreißen.

Auch wir haben den gerechten Staat nicht mehr ernsthaft gewollt. Es geht eher um Polizeischutz für Privilegien. Der 1. Mai ist uns eine Bußpredigt. Was werden sie damit machen?

Musik quillt auf. Begeisterung bei den alevitischen Genossen. Hoffentlich kein Lied auf Väterchen Stalin! Es klingt begeistert. Wie etwas von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, von frei Geborenen.

Klaus Wachowski 01.05.11

Karfreitag 2011 

Der Flieder duftet. Die Bienen summen. Und darüber zwitschert es fröhlich. Die Nachbarn kommen in die Gärten. Ich glaube nicht, dass sie, wir heute Jesus ermorden könnten.

Und doch geschieht es jeden Tag an jedem Ort, in jedem Kinder- und Seniorenzimmer.

Laß die Blüten fallen, Quittenbaum! Sie sollen es nicht glauben können.

Wenn mit der Geburt die Freiheit eintritt, wie Hannah Arendt sagt, verläßt sie uns auch wieder mit dem Tod. Bethlehem und Golgatha.

Aber auch Not und Notwendigkeit kommen mit der Geburt, enden im Tod.

Und der Hauptmann, der sah, daß er mit solchem Geschrei verschied, sagte: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen." (Markus)

 

Nietzsche haßt diese Geschichte, weil er die Freiheit unter der Moral leiden sieht. Ich liebe sie, weil sie mir die Freude an den Menschen bewahrt. Nietzsche ist ja nicht besonders philosophisch, wo er seine Wut an seinem Lehrer Schopenhauer ausläßt. Dort war Leiden und Mitleiden, wenn auch ins Pessimistische, Buddhistische interpretiert. Dieser wollte fröhlich - herrschen. Schopenhauer hätte dem Willosophen einiges an Menschlichkeit zu sagen gehabt.

Mir gefällt der Christengott in seiner ohnmächtigen Sympathie gegenüber den Menschen besser selbst als ein Buddha, der ihm rät, lieber doch nicht zu leben.

Ja: mit der Lust kaufe ich den Schmerz ein, mit der Liebe den Verlust der Liebe, mit der Freiheit die Einsamkeit. Mit der Freude am Menschen kaufe ich die Enttäuschung durch Menschen ein. Nun: Glaube, Liebe, Hoffnung -auch ohne Gott-: was hält uns sonst am Leben?

 

Die Alternative ist Leere. Im Schmerz von Leben und Liebe mag man sie vorziehen. Ansonsten muß man schon ziemlich leblos und lustlos sein, das Geschenk des Sonnenstrahls, des Flieder, des Gesangs der Vögel am Morgen zu verzichten, als sei es Zeit ins Bett zu gehen.Und das gilt so wohl auch im Markgräflerland, mit und ohne Sychrongrill des Johann Lafer.

 

24.04.11 Klaus Wachowski


Der Tod aus dem Rachen des Bösen

Wer hat schon Angst vor dem nicht-sein!-
Aber, wem Liebe widerfuhr, der hat wohl Angst vor dem nicht mehr bei Dir sein.

Von daher bekommt der bore-dumme Ausspruch eines Terroristen:
"Ihr habt Angst um Euer Leben;
wir keine vor dem Tod."
diese unmenschliche und natürlich fern von Gott brüllende Dimension.
Und auch der Buddhismus hat da nicht begriffen.
Ich aber höre all die Angst des Menschen in dem Schrei:
"...Warum hast Du mich verlassen!?"

26.3.2011 

Freitag, 2. Dezember 2022

Bürger Kunde 2007


Anruf:

Hier X. Ich bin Kunde der Kreisverwaltung und hätte gern Auskunft über meinen Bauantrag.

- Ich verkaufe nichts...

Anruf:

Hier X. Ich bin Geschäftspartner der
Kreisverwaltung und hätte gern Auskunft über meinen Bauantrag.

- Unsere Geschäftsbeziehungen sind beendet.

***

Wird der Bürger als König Kunde hochgelobt, sollte er darauf achten, dass ihm niemand die Krone vom
Kopf schlägt, weil er kein Geld hat.

Aus der Ideologie der geizgeilen
Staatsausschlachter vernehme ich auch so eine Vorstellung von Geschäftspartnerschaft zwischen
Verwaltung und Verwaltetem. Im Ernst betrachten gerade die ideologisierten Verschlanker, Auslagerer, Synergiegewinnler etwa Arbeitslose nicht als achtbare sondern als lästige Geschäftspartner, von denen man sich lösen sollte.

Wie damals in unseren linksideologischen Zeiten ist
auch in diesen der mit FleiB betriebenen Verelendung der Begriff des Bürgers, des mir gleich werten und höflich zu behandelnden Nachbarn, dem die Gemeinschaft der Nachbarn in Zeiten der Not selbstverständlich hilft, statt über seine Habseligkeiten herzufallen, der herrschenden ideologischen
Verblendung ein Dorn im Auge.

Lasst uns um Bürgerrechte kämpfen,  gegen die Vermarktung zum Kunden, Geschäftsfreund, den man nur unter der Voraussetzung vorhandener Mittel schätzt. 

Die Verwaltung hat nichts zu
verkaufen, noch Angebote zu machen, sondem das ihr vom Bürger anvertraute Recht des Vertrauens
würdig und in achtungsvoller Form eben dem Bürger gut verwaltet wieder zurück zu geben.

aus Polittagebuch 
Wachowski 05.01.07

Mittwoch, 3. August 2022

Schopenhauer Heidegger 1990

Schopenhauer-Gesellschaft e.V. Frankfurt

Der Präsident

18. Mai 1990

Herrn
Klaus Wachowski
Kurfürstenstr. 31
6508 Alzey

Lieber Herr Wachowski,
besten Dank für die Zusendung Ihres profunden Laserbriefes,
der ganz in meinem Sinne ist. Da Sie Schopenhauer und Heidegger ansprechen, würde ich mich freuen, wenn Sie tatsächlich an unserer
Diskussion im September teilnehmen
würden Ich suche zur Zeit noch einen Heideggerianer, damit win: eine hitzige Debatte bekommen.
Beste Grüße und Wünsche
Ihr
(Prof. Dr. Rudolf Malter)

Montag, 13. Juni 2022

Pfingsten 2009

Gedankenspiele

Pfingsten

"Extase ergriff sie alle."

Eben das ist ja das Pfingstproblem. Muß man denn vor lauter Heilig Geist den Verstand verlieren?

In der Kirche wird zuviel Musik gemacht und zu wenig nachgedacht. Das höre ich einen Mann sagen, der sich den Kopf zerbricht, wo die Angst vor dem Tod sich sonst an Spiritualität besäuft. Nein: er meditiert auch nicht, übergibt sein wertvolles Selbst nicht an das Vergessen. Er fragt die einstürzenden Hoffnungen nach dem Sinn, die fallenden Menschen nach ihrer Meinung. So zeugt auch Vernunft sich fort in Vernunft, überlässt der Extase das Fest und die Freude auf den Galgenbergen.

Und geht zum Forum oder unter die Säulen, Menschen zu treffen. Ist das da nicht Gott, der da auf sie zu kommt?

*

Athmosphäre Hans im Glück

Ein sonnenbestrahlter blauer Ball. Sieben Jahre schuften für eine Sau. Daraus eine Kuh mit Goldklumpen. Leben und Lachen im Sommer.

Der Neid des Dorfes in flüsterndem Zischen, die Schadenfreude im schallenden Gelächter.

Unbekümmerte Freude vorm Spiegel Erinnerung. Die Hand am Po des Glücks, der Verstand im Schatten eines Kuhstalls.

Schau: die Bank vor dem Haus des Mütterchens, das Herz im ewigen Kind unter der ewigen Sonne.

Worüber lacht Ihr? Er hat alles behalten. Und was er verloren hat, war nichts als Nichts von den Quellen der Mühseligkeit.

Gewinn durch Verlust. Aus dem Gefängnis des Handelns in die Freiheit des Seins.

*

Der esoterische Engel hat mächtig angesetzt. Sie hat inzwischen das Format einer Urmutter. Am Cafe´ Hysterie sitzt derweilen der sitzen gebliebene Teenager aus den 60ern und wartet auf den Helden im Pilotenhemd. Zwei Singles im Schwarzen und high heeled spekulieren eher auf Waschbrettbauch mit kochkünstlerischen Fähigkeiten.

Eine Stadtratte ist aus den verschwitzten Decken von Erinnerungen gekrochen und schaut sich um. Rechteckige Kinnlade, gewaltiges Gähnen aus gelben und roten Pusteln. Er späht nach Beute.

Der Schatten eines herein fliegenden Raben verdunkelt für ein Staunen lang die golden bestrahlte Wand eines Mittelalterhauses.

Ein alter Intellektueller aus Aleppo liest in einem stinklangweiligen Lehrbuch, um diese Sprache zu lernen. So lernt man doch überall das Gleiche, ohne  je zu verstehen. Wenn Du erst einmal in ihrer Sprache singen kannst, verjagen auch die Dich.

*

Das von Grau unterlegte Blau des blühenden Weizens, das Sonne leuchtende Grün der Gerste. Der Wind wirft eine handvoll Staub in die Luft. Oben das Bild von Himmelblau in Wolkenweiß. Es riecht nach Holunderblüte und E 605.

Ein Winzer hat blau-lila Bienenweide in jede zweite Zeile gesät. Es müssen Tausende von Bienen sein, die hier unter Blütentrauben und Schatten vom Blatt die Luft summen lassen.

Und Steine sind da und holpernder Weg. Der kreisende Schatten der Windräder.- Im Hohlweg öffnet die Erde ihre Schamlippen von rotem Sand. Wespen und große Nager haben Höhlen hineingegraben. Die Wanderer werden über ein strammes Betonpflaster hindurch geführt zum nächsten Kaffee mit Kuchen oder zum besoffenen Vergessen. Frohe Erwartung, dem Alltag zu entkommen in allen Herzen und Phantasien. Auch der Hase freut sich unter der Sonne, der Bussard über dem Hasen.

Bewahre diese Münze gut, den Fährmann zu bezahlen.

*

Ja, was machen denn diese Gemütsbacken mit meinem Schneewittchen! Und sie singt mit und schunkelt Heimat und Rumtata!

Ich habe den Drachen getötet, den Magier in die Klinik und die Stiefmutter in die Wüste geschickt. Und ich habe sie ohne Mitgift und unter Beleidigung meiner Freunde geheiratet.

Da kugelt sie sich mit den Karrierezwergen der Literatur im Poetry-Schlamm, dass mir ganz Strindberg wird.

Ich schlage die Tür hinter mir zu. Schneeflocken fallen aus meiner neuen Einsamkeit in das Märchen Leben.

*

Jede Ideologie braucht für ihre Lüge eine Wahrheit.

Story of Isaac (Leonard Cohen): A scheme is not a vision...

Der Spießer, der sich für nichts interessiert, ist der Mitläufer, der jeder  Ideologie jede Unmenschlichkeit ermöglicht. Sein Gegenpol ist auch der Mensch, der nichts als im Frieden leben möchte und von jedem Übergriff beunruhigt ist und dennoch aufmerksam.

Als Abraham ins Zimmer tritt, um seinen Sohn zum Schlachtopfer zu holen, verdunkelt sich der Himmel.

Elender Priester, Lump von der Ideologie: Du besudelst das Wort mit Taten. Du glaubst, weil Du es hören durftest, dürftest Du eine Botschaft daraus drehen. Schließlich glaubst Du den Tod. Es gibt keinen Gott, der solche Opfer wollte!

Er hat vielleicht zu Dir gesprochen. Du hast nicht zugehört.

*

Schock

Vor dem Grauen des Todes kannst Du Dich anläßlich eines Verbrechens schützen, indem Du die Verfolgung der Täter kommentierst. Der Hass hebt das Gefühl der Ohnmacht auf, die Bestrafung den Triumph des Täters.

Vor dem Grauen des Unglücks gibt es keine Rettung vor der Ohnmacht durch Handeln. Und auch im Gefühl der Ohnmacht wirst Du dem Verunglückten nicht gerecht, nur Dir.

Mitleiden - über Leiden – stellt die Verbindung zum Opfer wieder her: gefühlte Gleichheit bewirkt Betroffenheit und Zugehörigkeit. Verbrechen oder Unglück haben diesen Menschen aus der Bindung zwischen Menschen und zwischen Mensch und Welt gerissen.

Er ist allein mit sich und dem Nichts. Mitleid ermöglicht, dass er die Welt wieder vertrauend berührt. Auch hier gilt scheinbar: Im Anfang war das Wort. Es hatte den Namen Berührung.

Wie hohl und voll Elend der Einsamkeit schallt das Lachen des Zarathustra über die sterile, verbrannte Erde des Ich.

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Ideologie

Ein Bild der Welt zur Ermordung der Welt nutzen.

Du sollst Dir kein Bildnis machen.

Die Götzen heißen: Kapitalismus, Nazismus, Kommunismus, Rassismus, Fundamentalismus. Man wird weitere finden.

Der reine Mensch, der große, der neue Mensch?!-

Es genügt doch Nachbar und Nachbarin: nicht der Liebste: der Nächste! Wenn Du dem Nächsten nicht vertrauen kannst, wie willst Du Dir vertrauen können?

Mach Dir kein Bild von Deinem Nachbarn. Rede mit ihm, hörend.

Was denn die Welt ist, wird sich erschließen, wenn sie Erinnerung wurde.

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ZEN

Ein redundanter Parameter,

das Wahlversprechen des als Partei verkleideten Seniorenbeirats,

eine Schneckenspur im Aszendenten Deines Horoskops,

eine Hieroglyphe des Straßenverkehrsamts,

Test eines Dichters auf Gebrauchsspuren.

Was lernen wir daraus über Gott?

Was lernt er daraus über uns?

Eine Holunderblüte zum ersten Schrei,

einen Wodka zum letzten Seufzer,

Choräle, Bilanzen, Lottogewinne,

ein angestrengtes Powackeln im Kostüm,

ein Einfallen aufgepumpter Muskelgruppen,

eine Fußgängerzone des Marasmus,

ein Gedankenfalten in der Wüste eines Kultursommers.

Und die Krawattennadel: ist sie ganz ohne Bedeutung des venezianischen Karneval? Die Kiefer des Fastnachters mahlen eine politische Botschaft. Heimat, ganz heiß, spritzt Bratenfett.

Zen zu Blues.

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„Doch nicht nur die Literaturwissenschaft hat versucht, diskursanalytischen Anschluss an die empirische Psychologie zu gewinnen…“

Wer denkt da nicht an Bratwurst-Füllsel, typisch kontextualistische Pommes-Frites-Spritzer oder epochal verortete Mozart-Kugeln?

Foucoult oder Frizl: Wenn die Blätter grau und trocken in den Sinkkasten geschwemmt werden, hält nichts den Regen in Deinen Empfindungen auf. Diskursanalytisch gesprochen geht Dir dann das Wissen, das Einbohren in die entferntesten Winkel des Kulturarchivs, wie selbst die Hamburger sagen: am Arsch vorbei.

Aber es hat seinen Wert. Wie Sand am Strand des Ozeans Langeweile. Allemal fester als Wasser und ein Irgendwie in der bizarren Form seiner Einförmigkeit. Ein Wind weht ein anderes Irgendwas daraus. Schau Dir diese Körnchen an! Reste literarischer Berge und Abfallhalden. Es knirscht. Aber es fühlt sich noch warm und weich an. Wie Materie.

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Ja, ich fürchte um meine Geißlein.

Die jungen Wölfe sind aus ihren Winkeln hervorgekrochen und grinsen und heulen in der entleerten Fußgängerzone. Glatze oder Kopftuch, Tattoo oder Goldkette, sie ertränken Deine Freiheit im Sixpack und ihr Hiphop schlägt Dich in ihre Sklaverei.

Sie haben keine Kreide gefressen. Sie wissen, dass Deine Nachbarn abwiegeln und weg sehen. Sie heulen zur Jagd. Und die Alten zwinkern dazu gebildet. Ab nach Pisa, kleiner Amok. Du wirst schon noch Erfolg haben als Leader.

Was wohl geschieht, wenn das siebte Geißlein den Jäger auf der 110 zu erreichen versucht?

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Marasmus, Perplexität, Redundanz

Ich streue die Worte in die Seiten der Zeitung. Sie wachsen, blühen auf und bringen die Akademie zu allergischen Hustenanfällen. Die Intellektuellen atmen auf: Etwas zum Gedanken lassen.

Das Kabarett springt auf die Bühne. Lach!

Heimat, Festival, Event. Dicke lauwarme Tropfen von Wir-Gefühl regnen in die Blätter. Die Zeitung lappt. Die Kultur pappt zu grauen Würsten von Pappmache´ zusammen.

Die Sehnsucht nach dem großen Staunen kippt um in die Lust - auf Lust tötendes Schunkeln.

Ich suche nach der alten Schachtel Phallokratie, Strukturalismus und Fluxus underground, für das nächste Jahr.

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Zwei Bücher

So kriegt man jede Frau rum.

Während dessen ließen sich von ferne die Waldhörner vernehmen.

Schön ist das Leben eines Taugenichts.

Während ich hier schreibe, muss er sich bei der schönen Freundin an den Tisch voll Wein und Früchten setzen und vom Morgen bis zum Abend unterhaltsame Gespräche führen. Dann mal die Geige raus und Schönes gefiedelt. Es ist so schön, und die Natur zwinkert schöne Sonnenuntergänge dazu: ich glaube nicht, dass da Einer ist, der es wagt, dazwischen zu lachen.

Ich beginne langsam zu vergessen, warum man jede Frau rumkriegen soll. Dem Taugenichts werden sie Waldhörner aufsetzen.

Vielleicht aber wäre das so schöne Schön auch etwas für mich gewesen, statt darüber zu schreiben. Wer hat mich bloß rumgekriegt?


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Wir vereinbaren, in sieben Jahren eine Weltreise zu unternehmen. Morgen bin ich tot. Eben das sage ich möglicherweise auch in sieben Jahren, wie ich es schon vierzig Jahre lang denke.

Derweilen rauscht der Brunnen kommunal, die Einkaufstaschen füllen sich, die Nasen erschnuppern das Fest, die Augen saugen sich an verbotenen, Lust glitzernden, Kurven fest, die Gedanken kapitulieren vor der Sintflut.

Das lassen wir schön mal sein. Aber eine Sitzung in der Kirche wäre jetzt auch nicht der Weg zur Erlösung.

Ein Weingut liegt mitten im Alltag. Die Winzerin hat sich einen Garten angelegt. Eine Gruppe von Künstlern aus Simbabwe stellt ihre Betrachtungen der Menschengestalt aus.

Was sehen wir?

Was sehen wir anders?

Vielleicht bin ich morgen tot.

Jetzt lebe ich.

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Wir sitzen und reden. Eine Zigarre Erinnerungen an Cuba. Wie wollen wir es halten mit uns?

Ich sehe Freiheit in Deinen Augen. Ich höre Vertrauen in Deiner Stimme. Da sind Liebe und Lust auf Leben.

Was sage ich? Ich achte nicht darauf. Es muß der Versuch einer Antwort sein, etwas vom Willen der Begegnung.

Ich nehme einen Zug. Vermutlich verengen sich meine Augen zu Schlitzen, als dächte ich scharf nach. Ich versuche dies alles hier zu begreifen.

Halte diesen Augenblick an! Der seltene Augenblick des Wortes. Der Berührung...

 

 

 

 

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Zeit verwandeln

Du bist aus Nigeria, yes I love Germany, und verkaufst mir ein Ruck-Zuck zu zwei Euro. Ludwig Steinbach beschreibt mal schrill, mal sonor, die Welt als blutigen Gedankenraum, sagt das Feuilleton.

Er meint Hamlet. Ich sehe yes I love Germany im Napoli des Berlusconi. In den Gittern des europäischen Käfigs.

Ich frage nicht nach den blutigen Räumen Afrikas, Du fragst nicht nach dem Terror in Europas Straßen. Die Sonne lacht. Du gibst mir das Gummi-Ding, ich Dir den Zweier.

Buon Giorno! Da ist etwas Zerbrechliches zwischen uns. Va bene.

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Der Professor Bhuddist überwindet die Gier nach Dasein und Dauer.

Mein Leben bleibt Twist and Shout eines unbelehrbaren Protestanten, reformiert und Rock n Roll der fallenden, nach schwellenden Lippen lechzenden Seele, die irgendwo zwischen den Beinen sitzt und im vorderen Hirnlappen philosophiert.

Auch ich hatte eine buddhistische Phase, in der ich nach Auflösung des Rätsels im Nichtsein suchte. Ich fand diesen armen Kerl, den sie Körper nennen, und den sie ans Kreuz schlugen, als er Liebe sagte. Eine Hure salbte er.

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Hausarrest

Da spürst Du die Wut des Spießers.

Wie spricht man Kerle an, denen das Leben der Menschen gleichgültig ist, wo sie Ihnen im Weg sind?

Die andere Schirmmütze marschiert über den Platz des brutalen Friedens, die andere lächelt über die Meldungen des Seismographen, der die Explosion der Atombombe bestätigt. Und übrigens: High, Syria!

Es wird kein gewaltiger Fortschritt sein, wenn die Schirmmützen weggeworfen und Krawatten umgebunden werden. Wenn die Intellektuellen in den Cafe´s durch patrollierende Glatzen ruhig gestellt werden. Aber Aung wird aus der Haustür treten und von der Luft einer künftigen Freiheit atmen können.

Und Krawatten, Schirmmützen, Glatzen und Bärte werden nicht mehr fragen: Ja, was willst Du denn?

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Zu oft bin ich zu weit vom Leben entfernt. Dankbar betrachte ich die Lieben und die Freunde, die trotzdem an mir festhalten.

Was hält mich davon ab, zurück zu springen in den Leben sprühenden Verkehr Napolis?

Die Sehnsucht und die Erinnerung des Pasolini und Robert Walser, der Virginia Woolf und Anne Sexton und vielleicht auch die von Dir, die Du so gut im Griff hast -wie sollte man sonst leben können?-.

Du hast Recht: mein Leben ist auf eine andere Weise aber nicht weniger lebensgefährlich als Deines. Laß uns in gegenseitiger Schätzung durch Skylla und Charybdis fahren. Die Segel hoch! Und die Hoffnung!

Klaus Wachowski Juni 2009*

Samstag, 9. April 2022

Januar 09

Eine Vernissage voll von daneben geschossenen Pfeilen der Sehnsucht. 

Eine Buchmesse von zu kurz gesprungenen Hoffnungen, die deprimiert mit Ruhm Vorlieb nehmen. 

Ein Waggon von Leserinnen preisgekrönter Langeweile. Kinder, die mitten im Abitur träumen bleiben. 

Ja sogar im Dialektgurgeln des Heimatschwitz öffnet sich manchmal ein Schweigen von Stern.

Klaus Wachowski 18.01.09

Samstag, 29. Januar 2022

Schwimmen 1996

Ich betrachte die Bewegungen der Schwimmer, die im Gegenlicht ihre Bahnen drehen. Von links nach rechts. Umdrehen, und von rechts nach links. Glänzende Körper, glitzernde Wellen. Auf der durchpflügten Oberfläche schwanken Schatten auf Blau. Was unter der Oberfläche sichtbar ist, Körper, Flossen und Luftkissen wird von blauen Lampen angestrahlt und verfremdet. 

Jemand, der oder die von drückenden Gefühlen belastet war, hatte mich beleidigt. 

Ja: So bin ich zwar nicht, aber ich redete und handelte so. Man, frau kann es wirklich so sehen oder fühlen. 
Ich bin wieder im Gleichgewicht, weiß, daß es so in guter Ordnung war. Was ich tun kann, ist, jene Person, die ich auf meiner Seite glaubte, nicht mehr anzusprechen. Sie empfand es als anfassen, übergriffig.
So laßunsere Wege wieder auseinander gehn. Die Welt, dass Leben ist weit. Der Sterling singt sein Lied von einem anderen Zweig in einen anderen Garten. Bis der Winter oder der Falke  kommt. 
Wer sich der Abend senkt, betrachte ich die Bewegungen der Schwimmer im blauen Leuchten. Ein Becken voll Ehrgeiz, aber auch von in sich bewegten Leben und einiger Sehnsucht auf Glück bewegt.    29.1.96