Sonntag, 17. Oktober 2021

Absage einer Einladung

Sehr geehrte

Nov 93

Mit Massendrucksache  vom
haben Sie mich einladen lassen an der Feier vom teilzunehmen.
Ich tue es nicht aus folgenden Gründen:
Meine Geschwister von Krawatte und Abendkleid haben sich nicht dazu überwinden können, mir den Preis zuzusprechen, der mir schon deshalb zusteht, weil ich dieses Jahr 1000.- DM für Schulbücher meiner Kinder ausgeben mußte. - Wenn ich das Geld gekriegt hätte, hätte ich mich schon einer Feier ausgesetzt, in der es erfahrungsgemäß von Ansprachen knackt.

Den Professor ... hätte ich ausgehalten, auch wenn er vielleicht mit dabei war, als der mir zustehende Büchner-Preis verweigert wurde.

Damned:
"Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung".
"Akademie der Wissenschaften und der Literatur. "

Da bin ich doch wieder zu Mami und Papi gelaufen!
Ich denk, ich spiel Euch den Reggae- und lande voll in einer Tanzschule, deren Walzerträume auf Mozart stehn!

Ärgere mich über mich selbst. Was ich zu sagen und zu singen habe, gehört doch nicht aufs Tablett, sondern zwischen Cola-Büchse und verstreute Chips auf den Rücksitz!-

...schicken Sie mir bitte rasch mein Manuskript zurück, daß ich meinen peinlichen Ausrutscher vergessen kann: Daß ich das Geld abkassieren wollte, ist voll okay. Aber, daß ich doch im stillen noch nach Frack und Kostüm geschielt habe; verdammt, das ärgert mich.

Im übrigen ist es schon okay: die Jury hat sich sicher ehrlich bemüht und die Preisträger werden schon fleißig gewesen sein (keine Frau dabei?!). Und daß Sie Ihre Unterschrift nicht selbst unter die Einladung meine Adresse nicht auf die Einladung setzen konnten. Ich sehs schon ein.
Keine Zeit nehme ich an. Aber warum soll ich dann kommen? Was für einen Spaß könnte ich dabei haben?
Ihr eigenhändig unterschreibender...

Glaserpreis 1993 nicht abgeräumt

VORBEMERKUNG

Also ich würde dem sprudelnden Brausekopf den Glaserpreis auch heute noch gönnen. Einem seriösen Beamten mit ins Chaos der Midlifecrisis eingetauchtem Hirn.

 

Die Kolleg*innen in der Jury aber hätten weiterhin ironisch die Lippen geschürzt oder laut aufgelacht. Eins hatten sie mit Glaser nicht gemein: sie waren nicht von Vätern geschlagen worden. Oder waren auch sie der aufkommenden Meinung, eine Ohrfeige ab und an könne nicht schaden?

 

Ich sprach von Brüdern und Schwestern, wo BeamtInnen des Ruhms das Wort verwalteten als Archivare des Ehrgeizes. Lockruf und Erlauchende kennen einander vom langen Marsch auf den Trog.

 

Im Rückblick ist es zum Lachen. Dieses freudige Pathos eines Obdachlosen, dem einer einen Fuffi zugeworfen hat.

 

Aber gerade es und gerade für solche Haltung, diesen Stil hätte es den Preis des Georg Glaser verdient. Wurde denn  d e r gelesen? Wirklich gelesen, Ihr achtsamen Totschweiger der geprügelten Generation?

 

Heute weiß ich von wichtigeren Wichtigkeiten als jenen und dass es nicht darauf ankommt, wer von uns VIP, Wicht und/oder Wichtel war. Ich lasse den jungen Mann seine Sache vortragen.

Manche/r mit Vernunft und Interesse wird hinter Wort und Rhythmus noch etwas entdecken, das anders berührt als Schlag und Vorschlag.

 

16.10.21 Klaus Wachowski 


Meine Einsendung zum Glaserpreis 1993 – nicht gewürdigt

Das Thema war, wenn ich mich recht erinnere: der Fremde in der Mitte, oder so.

"Fremder sitzt am Bach, Schnee auf der dunklen Erde,
und auf glitzerkaltem Wasser rinnt Ewigkeit hinaus in den Frühling.

Ach‚ arme Kindheit! Jetzt brichst du auf aus den Kellern des Schweigens, ziehst blutend dich zu einer Hoffnung hin: Fee Liebe streichelt zart und holt mich aus der Kälte.

Gib jetzt mir die Schmerzen‚ jetzt kann ich sie nehmen. Noch lebt ein Funke ich im Bunker Eltemstolz. Wo ich mich strecken mußte, mich zu bücken, hältst du mich warm. hilfst du mir sein.

Zu traurig ringelt sich dein Schlips ins Manuskript, du Bruder von der Ehre: komm runter, rein zu mir, laß uns probieren, rauszukommen. Toll ist die Welt und super, zärtlich, alles. . .

Auch du, gebeugte Schwester von der Leere‚ die du polierst das Schöne‚ Wahre, eintauchst ins Grandiose, weil dich Umarmung ekelt; probieren wir‘s?..

Seht mit hinein in die verdorrte Kindheit:

Spürst du die Schläge ins Gesicht, mein Bruder, gnadenlos?
Oder mußt du noch etwas sagen wie "Faschist"?
Hörst du die Worte peitschen,  Schwester, giftige Klagen?
Oder erklärst du noch "Patriarchat"?

Laßt es uns sehen, trauern und ... verdammt, sag: "weinen":
Wir hatten nicht die Freude Mutters, Vaters zärtlich auf der Haut, im Haar. Ja: es gab Lachen, Rindenrisse. Gab es auch Lächeln, einfach so? Was ist es, das da schimmert, warm und froh: es waren Schmerz und Angst und tief geduckter Wille.

Was weißt du schon von dir? Ich glaubs dir nicht!

Vater war gräßlich.—
Nur er?
Mach auf die Augen:
Du warst allein. Und ich auch war nicht eines Menschen Freund.
Auch sie waren allein. Aber sie wollen nicht die Trauer, stießen uns hinein.

Trauer, ich rufe dich!

Nicht aus dem Fenster in die Nacht, es ist zu hübsch dramatisch. Erhabne Briefe schreiben vor dem Sturz? TV-Abgang mit Abdruck in Beton? Nein! Eben das ist es, was sie gerade wollten! Ich will den Spaß, Anfassen, miteinander spielen, lachen und quasseln Hand in deiner Hand‚ das Wunder, Leben zu erleben. Und meine Trauer will ich weinen spüren.

Erhaben! -

Kaum sehn wir eine schwarze Haut, schon brauchen wir den Kommentar über das Fremde in der Mitte. Ist‘s nicht die Mitte‚ die sie zur Leere schlugen, kaputte Typen‚ die auf Menschen schlugen und in dem gleichen Haß in ihre Kinder? Fremd den Menschen, menschenfeind. . .

Wie Menschen ihr zu Feinden machtet und uns zu Menschenfeinden, Vater! Mutter und auch du!
0b weiß, ob schwarz, ob rot, ob gelb, was warst du mir?  Ein fremdes. Ich mußte schaffen, schuften über dich hinaus.
Was war ich dir?  Ein fremdes, über das Du mußtest, das schwarze Loch in Eltern, Voreltern anzufüllen mit dem Applaus der nachgebornen Knechte, Mägde.

Komm raus mir mir! Schließe die Augen, wie sanft dich in den eignen Armen: Wir wollen anders es probieren als mir der Einsamkeiten Panzerglas. Es geht...

Da knüpft ein Mädchen sein Sterben ein in Teppiche: Family will glänzen. Ein Knabe würgt ein Menuett, daß Mamas Krisen lohnen. So hängen wir an Spinnenfäden und jedes Zucken fesselt mehr an family. Mit vierzig leert das Gift sich in den müden Rest und schon bist du verschwunden.

Raus aus der Elite, blau machen mit Woffel. Witzig und hassend die autoritären Schurken. Erbittert, Regen, Dreck und Sonne, die Pauker flau im Bauch und dann die Gründungsworte einer Freundschaft:"du Nazi!", "du Faschist!" Cola, Gulaschsuppe‚ purple haze, music‚ friends and freedom.—


Begegnung: Säufer, Brüder, Revolutionäre. Hexen, Schwestern, Heldinnen der Freiheit. Erwartung riesig, drunter ging es nicht. Riesenenttäuschung, ganz wie es Familie brauchte. Jetzt diskutierten wir‚ was ihr zu leben hattet, den roten Western zu beleben. Es war Familienerbe, links gewendet; die Weltenpläne, euch zu fangen, uns zu fesseln.

So reparierten wir die Zellen exklusiver Wahrheit, staffierten sie mit der Bibliothek der Freiheit aus, zahlten den Tag ab mit der Besoldung von Beamten.

Hey Joe‚ gehört und schon verraten an mein verlorenes Amerika: Träume ans Ende grandioser Ewigkeit: heldisch‚ heldisch, Heldin an der Seite. Das Haar im Wind, vor uns der Fluß und Berg des Dramas Leben. Freundschaft träumte gegen Welt. In Reinheit. Kein Straps störte den Traum auf roten Wappenteller. Hier glänzte Pflichterfüllung revolutionär. Und family wollte uns das nicht nehmen.

 War doch auch er gut für die Wand über dem Stammbaum: verlorener Sohn als Django ist okay. Fragt nicht‚ warum wir trauern nicht und nicht bereuen wollen. Der schweigt und geht. Ist in nem andren Film, macht keine Szenen unterm Christbaum. Kommet ihr Kinderlein zum Deutschlandlied vom Tod. Und macht uns gute Stimmung. 

Der letzte Schlag war der des Herzens. Ich lernte zu umarmen, hören, reden; dich fühlen ohne Kommentar. Fee am Wasser: Frau bist du geworden und auch Tao; Fläche wird Körper, Fleisch und Atem. Liebe, Ärger, Streit: Juchhuh, ich bin geboren!

Und jetzt die Boxen an, voll auf den Ernst des Lebens! Weg mit dem Bettel,  sing mit mir den Reggae! Die drei dort an der Ecke, die planen einen Bruch. Schrotflinte her und auch die Freude,  zu sehen, wie da die Lust am Leben Arme schlenkert, wackelt mit dem Arsch. Hey Boys, ihr müßt dazu, wenn Sonne kommt zum Tag!


Der Mond, ein Traum der Menschheit? Mir nicht und auch nicht dir. Aber der Hansl Pfefferle, der kann Geheimschrift an der Wand und Janosch kennt den Josa mit der Fiedel. Es gibt noch Zauberer im Vaterland, weit weg von Söhnen, die zu Vätern, Töchtern. die zu Müttern geschlagen werden und gekrümmt.

Nicht Blümchen auf des Spießers Rasen: verschmiertes Kind aus dem Geburtskanal; ein Wunder war ich, warst auch du und du. Und du fragst noch, was du hier sollst in dieser schönen‚ supergeilen Welt?...

Laß Dir was einfallen! Such deinen Kuß und hör nicht auf den Quatsch von Geistern. Nietzsche gib nicht an: vor den dessous der Liebe und des Lebens rutschen deine Phrasen. Karl Kraus, mal raus: dein reines Streben geht mir an das Leben.  Goethe rück n Stück: ich brauch jetzt einen Blues: unrein, unrein, aber atmend.

Mozart, bleib mir aus dem Kinderzimmer!  Dir war die Kunst doch Krücke für den Gang zu Fürst und Vater, und Biegestock fürs böse Kind. Vorsicht! Romantik springt dich aus der Hecke an, wenn Leben mal vor Regen Deckung sucht. Genie und Bratkartoffel, laß sie draußen! In deiner Mitte ist was fremd, fragil, heißt "Fühlen". Nicht "einen Baum umarmen", groß; ein Blatt nur einfach fühlen.

This is a man‘s world: Küssen verboten, Tränen; kurz: beschissen. No chance: skurril müssen wir werden oder sein wie die: groß, groß und leer und fremd in unsrer Mitte.

Fremd in der Mitte sind wir mit allen schwarzen, roten, gelben Schwestern, Brüdern. Ach, macht aus euren Kindern nicht den Stolz von den Krawatten. Seid andre Vater -, Mutterhände. Laßt euch nicht Größe geben, nehmt die Chance.

Was für ein Dschungel. Argh!- Es stinkt bestialisch. Ist er schon hinter mir, der Garten, der bestialisch duftet? Ah-la-la-la-la-long?

*

Das war die Kokosnuß: Tarzan und Jane: jetzt holt mir auch den Preis! Aus eurer Mitte rief dies Klaus."


 


Montag, 7. September 2020

Über Gedichte 2005

Ich liebe Lieder, aber ich schreibe Gedichte. 
Das Lied küsst Dich. Du empfindest Lust oder Ekel. Das Gedicht öffnet den Blick auf eine Welt. 
Im Lied ist alles möglich. Selbst die ungeheuerlichsten Dialektbrocken gehen runter wie Öl. Das Gedicht lebt vom Wort. 
Das Lied massiert, das Gedicht zieht eine Jalousie hoch: Schau!

Mit 1 cl Jazz zu lesen 
22.1.2005

Freitag, 17. April 2020

Happy Jack 09

Happy Jack

Wenn Du zwanzig Jahre Familie warst, willst Du auch mal Ich sein. Hans hatte sein Abi, ja sein Studium in der Tasche und sprang hinaus in die Welt.

Ein Stück seiner Freiheit schnitt er für die Firma ab. Da gabs Geld, Wohnung und Auto. Wie froh unser Hans da war: jetzt konnte er für sich wohnen und einfahren, was das Herz begehrt.

Aber was für ein Glück, als er von seiner Grete genommen wurde! Jetzt sagte er zur Freiheit "Autonomie", konnte er doch ein Haus bauen, viel mehr zusammen erleben und der Einsamkeit entwischen. Und wie frei er war von der Welt und ihren Erwartungen!-

Was dann? 

Da gab es Kinder. Das war ein Fest: endlich konnte er all seine Gedanken weiter geben. Was war dagegen das Bißchen Freiheit, das er dafür tauschte. Er bekam ja so viel Glück dafür.

Zogen die Kinder aus, ach da streckte er die Beine unter die blitzende Harley Davidson und freute sich wie ein Schweinehirt auf Martini. Jetzt konnte er alles Geld mit seiner Grete verprassen. Sie kauften dicke Autos und machten die teuersten Diäten. Und wenn er morgens mit schwerem Kopf beim Alka-Seltzer saß, da freute er sich so laut, dass die Lehrer an den Nebentischen vor Neid ihre Kleinkinder anzischten.

Wer aber kann sich die Freude vorstellen, als er endlich, endlich in Pension gehen konnte. Es zwickte zwar hier und da, die Beta-Blocker machten flau und Grete zog zu Urmutter-Seminaren. Aber die Welt war weit und die verbotenen Äpfelchen lockten.
Wie gut er doch sein Geld angelegt und die Häuser vermietet hatte! Die Scheidung erledigte ein Tennisfreund für fast geschenkt. Er konnte seine Pflegerin aus jedem Land östlich der Neiße kaufen.

Wenn Du seinen Grabstein finden willst, mußt Du lange suchen. Die Erben haben seine Asche nach seinem Willen verstreut. Und jetzt sag mir: Wer hat mehr Glück aus seiner Freiheit gemacht?

16.08.09 Klaus Wachowski 


Mittwoch, 15. April 2020

Zen schamanesk

Zen schamanesk 

In heilgen Orten wabern Chakren,
Wo dunkel tiefe Tiefen flackren.
Urmutter sticht gechannelt high,
Sakral umflortes Arschgeweih.

Astral wiegt sich der Beckenboden,
Was lustvoll schwillt, erscheint verboten. 
Die Mondin leuchtet somnambul
Für 40 Euro - Cool!

Rebirthing tanzt das Labyrinth,
Van Gogh soff morgens schon Absinth.

Mein Gott folgt lieber armen Irren, 
Als sich Schamanen anzuschmieren.
 
28.6.2009

Samstag, 4. April 2020

2009 Zwei Amseln

Zwei Amseln

Wie schön der Morgenstern! Die Alpträume lösen sich auf in feine Fäden, die Hoffnungen senken sich in tausendfingrige Büsche. 

Es ist da, 
ich werde es verlieren, 
ich öffne meine Aufmerksamkeit. Da ist das Labyrinth, in dem Du das Ich spürst und aus dem Du Gott rufst von Unbekannt zu Unbekannt. 

Mit zerbrechlichen, brechenden Werkzeugen geht Wittgenstein an die philosophischen Gebirge. Was ist dem Fragezeichen nicht fragil? Aus den gebrochenen Erinnerungen ragt eine Nichtwissen reflektierende Ruine Ich.
Gott sagt: "Nachtblauer Halbschatten!" Die Amsel schwingt sich auf die Baumspitze. Sie ruft ihren Mann oder Frau herbei. Die grünen Blätter in den Gärten sind plötzlich plastisch und saftig von Realität. Es duftet nach frischer Welt.

Foucault schlägt im Manuskript seiner Seele nach und kann das Kapitel Ich nicht finden, wiewohl er jedes Wort einzeln buchstabiert. Der bukowinische Rabbi lacht und wirft die Buchstaben hoch in die Luft. Gott fällt als Sonnenfunken in den von Tannennadeln bedeckten Staub Deines Herzens. Die Amsel deutet auf mich und sagt: "Schau  mal, ein Ich." 

Armut vom Feinsten und Einsamkeit vom hohen Niveau treffen einander beim Billigbäcker. Cogito, ergo sum. Was ist das Ich außer Subjekt der Erkenntnis im Tsunami? Rene Descartes könnte auch ein Automat Gottes oder des Menschen sein. Woher weiß ich: "Das ist Ich-noch-einmal"?

Die Amsel blickt über die Rentnergärten, wo sich die Alten freies Schußfeld geschaffen haben. Ein letztes Sichern der menschlichen Ordnung, bevor der Dschungel die Herrschaft erobert und der Ohnmacht, dem Tod und der Einsamkeit seine Schatten öffnet. Wer spielt dann mit Dir das Katzenspiel?

Mein Ich steigt aus dem Manuskript seines Lebens. Es spürt die Erstmaligkeit dieses Morgens und hört den Glockenklang von Märchen. Bin nicht auch ich heute zum ersten Mal? Das Blau senkt sich in die Grasstoppeln, in die Federn und in die Seele. Ich atme neuen Tag in blühende Erinnerungen.

Die Einsamkeit setzt sich an den Tisch und die Not ruft die Nacht, in die die Romantiker ihre Lügenmärchen träumen. Ja, wenn das Du "Ich" sagt, was soll dann das Ich sagen? Ein Wettbewerb zuckelt vorbei. Es gilt, die Ernte guter Beziehung einzufahren. Die Literaten von Gemütlichkeit und Drang zeigen ihre Waggerl- Weihnachtsgedichte. Man dekoriert heute aber auch mit Gebrochenheiten Stärke. Vorne strebt der Ruhm, hinten wedelt die Sklavenseele. 

Der sterbende König hält den Spiegel in der Hand, um sein Leben bei der Auflösung zu beobachten. Sie wird schneller sein als das Licht, das zurück eilt, ihm seinen Tod zu melden. Seine Augen verwandeln sich in Hologramme, in deren Tiefe Verwirrung flackert. Wenn Gott ein erkennendes Wesen ist und auch der Wurm zumindest weiß, was vorn und hinten ist: was sehen sie, wenn sie in sich hinab schauen? 

Ich frage den Obdachlosen nach dem Weg zu den Menschen. Er lächelt und zeigt auf seine Wundmale. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Zu den Menschen mußt Du nicht kommen. Sie holen und sie bedrücken Dich. Als Kind Gottes bleibt Dir nichts als Leben und Tod, Gruß und Abschiedsgruß. Ich bin von Erkenntnis besoffen. 
Die Amsel ruft einen Liebesjubel. Zu ihrer Frau sagt sie: "Siehst Du das Ich da unten? Randvoll mit Erinnerungen. Es geht schon zur Hälfte unter der Erde." Tatsächlich höre ich über mir schon die Schritte der neuen Zeit. Sie spuckt neben mir aus und schickt Zäpfchenbomber in die Welt Gottes.
  
Aufbohren der Aufmerksamkeit? Alle Windows-Entfesselung führt nicht näher ins Herz des Anwenders, der soeben die Taste "del“ drückt, um Deine Vernunft zu formatieren. Turbo-downloade Deine Depression, Wellness all-inclusive.

Aber die neue Zeit mischt sich auch neu: Die Liebe strafft das Ego der deutschen Ureinwohner mit den Massagen Asiens, und die Provinz zerfällt wieder in Familien. Ein Kinderwagen für 1.000 Euro fährt den neuen Dalai Lama ins Ich des Menschen, während Gospel, Glatz und Kopftuch sich zusammentun, um den Minirock zu steinigen. Wir philosophieren. Zur Begleitung wähle ich mir den Irrtum und Gott, das Fragezeichen.

*

Reden wir vom Du nach dem das Ich sich sehnt, wenn ihm nichts geblieben ist als Raum und Zeit. Der Wille zur Macht lacht darüber und stolpert über einen liebeskranken Amok, der eine Heilige umarmt. 

Am Sterbebett sagt Narziß:  "Meine  Mutter hat mich nicht geliebt." Sie sehnte sich nach Liebe und zog ihre Jungen zu Helden und Bestien heran. Ein BMW von der Betriebswirtschaft rauscht durch den Vicar of Wakefield. Homo oeconomicus reicht bei Hartz IV lnsolvenz ein. Welchen Abschreibungssatz nehme ich auf die Ewigkeit? 

*

Wer weiß schon Wahrheit? Der Allwissende oder der Dämon des Sokrates? Woher weiß Gott, daß Du ein Ich bist wie er? Ist die Grenze der Sprache die Grenze der Welt? Und was sagt da wohl der Koma-Patient zu all unseren Gewißheiten? Man könnte den Papst fragen oder den Parteivorstand, Weisheit und Prada. Ich ziehe vor, mein Nichtwissen nachdenkend zu erwerben.     

 05.10.09 Klaus Wachowski

Donnerstag, 2. April 2020

2009 zu Mio, mein Mio

Lindgren Mio mein Mio

Nach Kato

Der Name des bösen Ritters müßte eigentlich umgekehrt heißen: Cäsar. Nach dem Sieg über Kato kommt der Friede in Mios Land. Die düsteren Erden überziehen sich mit grünen, von Blumen duftenden Wiesen, im Himmel fliegen gesellige und fröhliche Vögel, die Wolken ziehen durch ein strahlend blaues Himmelsmeer.

Ein sanfter Wind weht aus der Erinnerung herüber.

Einsamkeit und Trauer legen sich schwer auf das Land.

Das Böse ist vernichtet, die Welt des Helden leert sich. Was kann er tun? Er wird nicht gebraucht. Wenn er zum Himmel oder zum Horizont schaut, findet sein Blick keinen Halt. Das Herz ertrinkt in Erinnerung und Sehnsucht. Die Freunde sind in Familienverbänden aufgesogen und verbringen den Tag mit Sicherung und Vermehrung von Besitz und Nachkommen. Das schwarze Korn Einsamkeit bohrt sich in den Grund seiner Seele. 

Wie kommt es, dass er in die Liebe fällt? Wir wissen es selbst nicht mehr. Ein gewisser Schmerz von Einsamkeit scheint die Bedingung. Ist es nicht so, dass sie die Sinne für den Ort des Glücks - und Leidens - schärft, wie der ausgetrocknete Körper die Sinne für den Geruch von Wasser es tun soll.

Vielleicht immer treffen sich zwei Einsame in der Liebe. Und was ist Sexualität, der Verführer, anderes als Sehnsucht, als Ausdruck der Einsamkeit? Erlischt sie doch in den Wassern des Glücks.

Nun ist Mio alt. Umgeben vom Glück seiner Familie verabschiedet er sich. Er muß keinen "letzten" Kampf mehr führen, um die Welt aus der Not und sich selbst aus der Langeweile zu retten. Er muß seinen Besitz an Glück wieder zurück geben. Leiden. 

Die Wege der Familie trennen sich. Die Entfernungen werden größer und als Gewinn an Freiheit und Rückkehr der Einsamkeit fühlbar. Das Schicksal bricht in den Frieden ein und schlägt große Wunden. Die Erinnerungen reichen nicht mehr aus, die Trauer um den Verlust zu neutralisieren. 

Ihm bleiben Tag und Traum. Nun wartet er auf den Tod. Er hütet sich davor, zu sehr über das Unvermeidliche zu klagen. Aber er verschweigt auch seinen Schmerz nicht. Was an Glück der Liebe, Freundschaft und Offenbarung der Natur geblieben sind, nimmt er als Geschenk mit in seinen Schlaf. Und die Erinnerung beschert ihm einen Traum voll Freude und Schatten der Sehnsucht dazu. So fliegt er mit seinem Pferd auf diesen dünnen Strich am Horizont zu. Manchmal hört er die Stimme seines Freundes und seiner Gefährtin im Wind. Er dreht sich um und wird vom Licht aus der Zeit fast geblendet. 

Von unserem Tisch am Wegrand aus wünschen wir ihm noch einen weiten Weg.

*

Andere hatten sich verloren, bevor sie etwas oder jemanden gewinnen konnten. Auch sie gingen einen Weg. Das Glück, das sie suchten, war auf der Rückseite Leid. Sein Name war Ich. Sie fürchteten die dunkle Seite und flohen daher auch vor dem Glück in die Zwischenwelt des Überlebens, der Pflicht, des Erfolgs. Die Gesänge und die Flüche, die Schmerzens- und die Lustschreie der anderen hörten sie lächelnd und staunend. Auch sie warteten auf die letzten Stunden, während sie die Gegenwart nahmen, wie sie war. Ungerührt. Auch sie näherten sich dem Horizont. In der Nußschale Alltag trieben sie dahin. Überholt von den Glücklichen, vorbei an Gestürzten der Hoffnung. 

In einem Augenblick der Stille begegnet dem Verzagen die Hoffnung. Ein Mensch tritt ins Leben oder hinaus in das nächste. Lassen wir uns fallen. Die Sonne läßt das Stäubchen schweben. Sehen wir hinaus. Hinein...
 

06.09.09 Klaus Wachowski