Mittwoch, 3. August 2022
Schopenhauer Heidegger 1990
Der Präsident
18. Mai 1990
Herrn
Klaus Wachowski
Kurfürstenstr. 31
6508 Alzey
Lieber Herr Wachowski,
besten Dank für die Zusendung Ihres profunden Laserbriefes,
der ganz in meinem Sinne ist. Da Sie Schopenhauer und Heidegger ansprechen, würde ich mich freuen, wenn Sie tatsächlich an unserer
Diskussion im September teilnehmen
würden Ich suche zur Zeit noch einen Heideggerianer, damit win: eine hitzige Debatte bekommen.
Beste Grüße und Wünsche
Ihr
(Prof. Dr. Rudolf Malter)
Montag, 13. Juni 2022
Pfingsten 2009
Gedankenspiele
Pfingsten
"Extase ergriff sie alle."
Eben das ist ja das Pfingstproblem. Muß man denn vor
lauter Heilig Geist den Verstand verlieren?
In der Kirche wird zuviel Musik gemacht und zu wenig
nachgedacht. Das höre ich einen Mann sagen, der sich den Kopf zerbricht, wo die
Angst vor dem Tod sich sonst an Spiritualität besäuft. Nein: er meditiert auch
nicht, übergibt sein wertvolles Selbst nicht an das Vergessen. Er fragt die
einstürzenden Hoffnungen nach dem Sinn, die fallenden Menschen nach ihrer Meinung.
So zeugt auch Vernunft sich fort in Vernunft, überlässt der Extase das Fest und
die Freude auf den Galgenbergen.
Und geht zum Forum oder unter die Säulen, Menschen zu
treffen. Ist das da nicht Gott, der da auf sie zu kommt?
*
Athmosphäre Hans im Glück
Ein sonnenbestrahlter blauer Ball. Sieben Jahre
schuften für eine Sau. Daraus eine Kuh mit Goldklumpen. Leben und Lachen im
Sommer.
Der Neid des Dorfes in flüsterndem Zischen, die Schadenfreude
im schallenden Gelächter.
Unbekümmerte Freude vorm Spiegel Erinnerung. Die Hand
am Po des Glücks, der Verstand im Schatten eines Kuhstalls.
Schau: die Bank vor dem Haus des Mütterchens, das Herz
im ewigen Kind unter der ewigen Sonne.
Worüber lacht Ihr? Er hat alles behalten. Und was er
verloren hat, war nichts als Nichts von den Quellen der Mühseligkeit.
Gewinn durch Verlust. Aus dem Gefängnis des Handelns
in die Freiheit des Seins.
*
Der
esoterische Engel hat
mächtig angesetzt. Sie hat inzwischen das Format einer Urmutter. Am Cafe´ Hysterie
sitzt derweilen der sitzen gebliebene Teenager aus den 60ern und wartet auf den
Helden im Pilotenhemd. Zwei Singles im Schwarzen und high heeled spekulieren
eher auf Waschbrettbauch mit kochkünstlerischen Fähigkeiten.
Eine Stadtratte ist aus den verschwitzten Decken von
Erinnerungen gekrochen und schaut sich um. Rechteckige Kinnlade, gewaltiges
Gähnen aus gelben und roten Pusteln. Er späht nach Beute.
Der
Schatten eines herein fliegenden Raben verdunkelt für ein
Staunen lang die golden bestrahlte Wand eines Mittelalterhauses.
Ein alter Intellektueller aus Aleppo liest in einem
stinklangweiligen Lehrbuch, um diese Sprache zu lernen. So lernt man doch
überall das Gleiche, ohne je zu verstehen.
Wenn Du erst einmal in ihrer Sprache singen kannst, verjagen auch die Dich.
*
Das
von Grau unterlegte Blau des
blühenden Weizens, das Sonne leuchtende Grün der Gerste. Der Wind wirft eine
handvoll Staub in die Luft. Oben das Bild von Himmelblau in Wolkenweiß. Es
riecht nach Holunderblüte und E 605.
Ein Winzer hat blau-lila Bienenweide in jede zweite
Zeile gesät. Es müssen Tausende von Bienen sein, die hier unter Blütentrauben
und Schatten vom Blatt die Luft summen lassen.
Und Steine sind da und holpernder Weg. Der kreisende
Schatten der Windräder.- Im Hohlweg öffnet die Erde ihre Schamlippen von rotem
Sand. Wespen und große Nager haben Höhlen hineingegraben. Die Wanderer werden
über ein strammes Betonpflaster hindurch geführt zum nächsten Kaffee mit Kuchen
oder zum besoffenen Vergessen. Frohe Erwartung, dem Alltag zu entkommen in
allen Herzen und Phantasien. Auch der Hase freut sich unter der Sonne, der
Bussard über dem Hasen.
Bewahre diese Münze gut, den Fährmann zu bezahlen.
*
Ja,
was machen denn diese Gemütsbacken mit meinem Schneewittchen! Und sie singt mit und schunkelt Heimat und Rumtata!
Ich habe den Drachen getötet, den Magier in die Klinik
und die Stiefmutter in die Wüste geschickt. Und ich habe sie ohne Mitgift und
unter Beleidigung meiner Freunde geheiratet.
Da kugelt sie sich mit den Karrierezwergen der
Literatur im Poetry-Schlamm, dass mir ganz Strindberg wird.
Ich schlage die Tür hinter mir zu. Schneeflocken
fallen aus meiner neuen Einsamkeit in das Märchen Leben.
*
Jede
Ideologie braucht für ihre Lüge eine Wahrheit.
Story of Isaac (Leonard Cohen): A scheme is not a vision...
Der Spießer, der sich für nichts interessiert, ist der
Mitläufer, der jeder Ideologie jede
Unmenschlichkeit ermöglicht. Sein Gegenpol ist auch der Mensch, der nichts als
im Frieden leben möchte und von jedem Übergriff beunruhigt ist und dennoch aufmerksam.
Als Abraham ins Zimmer tritt, um seinen Sohn zum
Schlachtopfer zu holen, verdunkelt sich der Himmel.
Elender Priester, Lump von der Ideologie: Du besudelst
das Wort mit Taten. Du glaubst, weil Du es hören durftest, dürftest Du eine
Botschaft daraus drehen. Schließlich glaubst Du den Tod. Es gibt keinen Gott,
der solche Opfer wollte!
Er hat vielleicht zu Dir gesprochen. Du hast nicht zugehört.
*
Schock
Vor dem Grauen des Todes kannst Du Dich anläßlich
eines Verbrechens schützen, indem Du die Verfolgung der Täter kommentierst. Der
Hass hebt das Gefühl der Ohnmacht auf, die Bestrafung den Triumph des Täters.
Vor dem Grauen des Unglücks gibt es keine Rettung vor
der Ohnmacht durch Handeln. Und auch im Gefühl der Ohnmacht wirst Du dem
Verunglückten nicht gerecht, nur Dir.
Mitleiden - über Leiden – stellt die Verbindung zum
Opfer wieder her: gefühlte Gleichheit bewirkt Betroffenheit und Zugehörigkeit.
Verbrechen oder Unglück haben diesen Menschen aus der Bindung zwischen Menschen
und zwischen Mensch und Welt gerissen.
Er ist allein mit sich und dem Nichts. Mitleid ermöglicht,
dass er die Welt wieder vertrauend berührt. Auch hier gilt scheinbar: Im Anfang
war das Wort. Es hatte den Namen Berührung.
Wie hohl und voll Elend der Einsamkeit schallt das Lachen
des Zarathustra über die sterile, verbrannte Erde des Ich.
*
Ideologie
Ein Bild der Welt zur Ermordung der Welt nutzen.
Du sollst Dir kein Bildnis machen.
Die Götzen heißen: Kapitalismus, Nazismus, Kommunismus,
Rassismus, Fundamentalismus. Man wird weitere finden.
Der reine Mensch, der große, der neue Mensch?!-
Es genügt doch Nachbar und Nachbarin: nicht der Liebste:
der Nächste! Wenn Du dem Nächsten nicht vertrauen kannst, wie willst Du Dir
vertrauen können?
Mach Dir kein Bild von Deinem Nachbarn. Rede mit ihm,
hörend.
Was denn die Welt ist, wird sich erschließen, wenn sie
Erinnerung wurde.
*
ZEN
Ein redundanter Parameter,
das
Wahlversprechen des als Partei verkleideten Seniorenbeirats,
eine
Schneckenspur im Aszendenten Deines Horoskops,
eine
Hieroglyphe des Straßenverkehrsamts,
Test
eines Dichters auf Gebrauchsspuren.
Was lernen wir daraus über Gott?
Was
lernt er daraus über uns?
Eine Holunderblüte zum ersten Schrei,
einen
Wodka zum letzten Seufzer,
Choräle,
Bilanzen, Lottogewinne,
ein
angestrengtes Powackeln im Kostüm,
ein
Einfallen aufgepumpter Muskelgruppen,
eine
Fußgängerzone des Marasmus,
ein
Gedankenfalten in der Wüste eines Kultursommers.
Und die Krawattennadel: ist sie ganz ohne Bedeutung
des venezianischen Karneval? Die Kiefer des Fastnachters mahlen eine politische
Botschaft. Heimat, ganz heiß, spritzt Bratenfett.
Zen zu Blues.
*
„Doch
nicht nur die Literaturwissenschaft
hat versucht, diskursanalytischen Anschluss an die empirische Psychologie zu gewinnen…“
Wer denkt da nicht an Bratwurst-Füllsel, typisch
kontextualistische Pommes-Frites-Spritzer oder epochal verortete Mozart-Kugeln?
Foucoult oder Frizl: Wenn die Blätter grau und trocken
in den Sinkkasten geschwemmt werden, hält nichts den Regen in Deinen Empfindungen
auf. Diskursanalytisch gesprochen geht Dir dann das Wissen, das Einbohren in
die entferntesten Winkel des Kulturarchivs, wie selbst die Hamburger sagen: am
Arsch vorbei.
Aber es hat seinen Wert. Wie Sand am Strand des Ozeans
Langeweile. Allemal fester als Wasser und ein Irgendwie in der bizarren Form
seiner Einförmigkeit. Ein Wind weht ein anderes Irgendwas daraus. Schau Dir
diese Körnchen an! Reste literarischer Berge und Abfallhalden. Es knirscht.
Aber es fühlt sich noch warm und weich an. Wie Materie.
*
Ja,
ich fürchte um meine Geißlein.
Die jungen Wölfe sind aus ihren Winkeln hervorgekrochen
und grinsen und heulen in der entleerten Fußgängerzone. Glatze oder Kopftuch,
Tattoo oder Goldkette, sie ertränken Deine Freiheit im Sixpack und ihr Hiphop
schlägt Dich in ihre Sklaverei.
Sie haben keine Kreide gefressen. Sie wissen, dass Deine
Nachbarn abwiegeln und weg sehen. Sie heulen zur Jagd. Und die Alten zwinkern
dazu gebildet. Ab nach Pisa, kleiner Amok. Du wirst schon noch Erfolg haben als
Leader.
Was wohl geschieht, wenn das siebte Geißlein den Jäger
auf der 110 zu erreichen versucht?
*
Marasmus, Perplexität, Redundanz
Ich streue die Worte in die Seiten der Zeitung. Sie
wachsen, blühen auf und bringen die Akademie zu allergischen Hustenanfällen.
Die Intellektuellen atmen auf: Etwas zum Gedanken lassen.
Das Kabarett springt auf die Bühne. Lach!
Heimat, Festival, Event. Dicke lauwarme Tropfen von
Wir-Gefühl regnen in die Blätter. Die Zeitung lappt. Die Kultur pappt zu grauen
Würsten von Pappmache´ zusammen.
Die Sehnsucht nach dem großen Staunen kippt um in die
Lust - auf Lust tötendes Schunkeln.
Ich suche nach der alten Schachtel Phallokratie,
Strukturalismus und Fluxus underground, für das nächste Jahr.
*
Zwei Bücher
So kriegt man jede Frau rum.
Während dessen ließen sich von ferne die Waldhörner vernehmen.
Schön ist das Leben eines Taugenichts.
Während ich hier schreibe, muss er sich bei der schönen
Freundin an den Tisch voll Wein und Früchten setzen und vom Morgen bis zum
Abend unterhaltsame Gespräche führen. Dann mal die Geige raus und Schönes gefiedelt.
Es ist so schön, und die Natur zwinkert schöne Sonnenuntergänge dazu: ich
glaube nicht, dass da Einer ist, der es wagt, dazwischen zu lachen.
Ich beginne langsam zu vergessen, warum man jede Frau
rumkriegen soll. Dem Taugenichts werden sie Waldhörner aufsetzen.
Vielleicht aber wäre das so schöne Schön auch etwas
für mich gewesen, statt darüber zu schreiben. Wer hat mich bloß rumgekriegt?
*
Wir
vereinbaren, in sieben Jahren eine Weltreise zu unternehmen. Morgen bin ich tot. Eben das sage ich
möglicherweise auch in sieben Jahren, wie ich es schon vierzig Jahre lang denke.
Derweilen rauscht der Brunnen kommunal, die Einkaufstaschen
füllen sich, die Nasen erschnuppern das Fest, die Augen saugen sich an
verbotenen, Lust glitzernden, Kurven fest, die Gedanken kapitulieren vor der
Sintflut.
Das lassen wir schön mal sein. Aber eine Sitzung in
der Kirche wäre jetzt auch nicht der Weg zur Erlösung.
Ein Weingut liegt mitten im Alltag. Die Winzerin hat
sich einen Garten angelegt. Eine Gruppe von Künstlern aus Simbabwe stellt ihre
Betrachtungen der Menschengestalt aus.
Was sehen wir?
Was
sehen wir anders?
Vielleicht
bin ich morgen tot.
Jetzt
lebe ich.
*
Wir
sitzen und reden. Eine Zigarre
Erinnerungen an Cuba. Wie wollen wir es halten mit uns?
Ich sehe Freiheit in Deinen Augen. Ich höre Vertrauen
in Deiner Stimme. Da sind Liebe und Lust auf Leben.
Was sage ich? Ich achte nicht darauf. Es muß der Versuch
einer Antwort sein, etwas vom Willen der Begegnung.
Ich nehme einen Zug. Vermutlich verengen sich meine
Augen zu Schlitzen, als dächte ich scharf nach. Ich versuche dies alles hier zu
begreifen.
Halte diesen Augenblick an! Der seltene Augenblick des
Wortes. Der Berührung...
*
Zeit verwandeln
Du bist aus Nigeria, yes I love Germany, und verkaufst
mir ein Ruck-Zuck zu zwei Euro. Ludwig Steinbach beschreibt mal schrill, mal
sonor, die Welt als blutigen Gedankenraum, sagt das Feuilleton.
Er meint Hamlet. Ich sehe yes I love Germany im Napoli
des Berlusconi. In den Gittern des europäischen Käfigs.
Ich frage nicht nach den blutigen Räumen Afrikas, Du
fragst nicht nach dem Terror in Europas Straßen. Die Sonne lacht. Du gibst mir
das Gummi-Ding, ich Dir den Zweier.
Buon Giorno! Da ist etwas Zerbrechliches zwischen uns.
Va bene.
*
Der Professor Bhuddist überwindet die Gier nach Dasein und Dauer.
Mein Leben bleibt Twist and Shout eines unbelehrbaren Protestanten,
reformiert und Rock n Roll der fallenden, nach schwellenden Lippen lechzenden
Seele, die irgendwo zwischen den Beinen sitzt und im vorderen Hirnlappen philosophiert.
Auch ich hatte eine buddhistische Phase, in der ich
nach Auflösung des Rätsels im Nichtsein suchte. Ich fand diesen armen Kerl, den
sie Körper nennen, und den sie ans Kreuz schlugen, als er Liebe sagte. Eine
Hure salbte er.
*
*
Hausarrest
Da spürst Du die Wut des Spießers.
Wie spricht man Kerle an, denen das Leben der Menschen
gleichgültig ist, wo sie Ihnen im Weg sind?
Die andere Schirmmütze marschiert über den Platz des
brutalen Friedens, die andere lächelt über die Meldungen des Seismographen, der
die Explosion der Atombombe bestätigt. Und übrigens: High, Syria!
Es wird kein gewaltiger Fortschritt sein, wenn die
Schirmmützen weggeworfen und Krawatten umgebunden werden. Wenn die Intellektuellen
in den Cafe´s durch patrollierende Glatzen ruhig gestellt werden. Aber Aung wird
aus der Haustür treten und von der Luft einer künftigen Freiheit atmen können.
Und Krawatten, Schirmmützen, Glatzen und Bärte werden
nicht mehr fragen: Ja, was willst Du denn?
*
Zu
oft bin ich zu weit vom Leben entfernt. Dankbar betrachte ich die Lieben
und die Freunde, die trotzdem an mir festhalten.
Was hält mich davon ab, zurück zu springen in den Leben
sprühenden Verkehr Napolis?
Die Sehnsucht und die Erinnerung des Pasolini und Robert
Walser, der Virginia Woolf und Anne Sexton und vielleicht auch die von Dir, die
Du so gut im Griff hast -wie sollte man sonst leben können?-.
Du hast Recht: mein Leben ist auf eine andere Weise
aber nicht weniger lebensgefährlich als Deines. Laß uns in gegenseitiger Schätzung
durch Skylla und Charybdis fahren. Die Segel hoch! Und die Hoffnung!
Klaus Wachowski Juni 2009*
Samstag, 9. April 2022
Januar 09
Samstag, 29. Januar 2022
Schwimmen 1996
Ich betrachte die Bewegungen der Schwimmer, die im Gegenlicht ihre Bahnen drehen. Von links nach rechts. Umdrehen, und von rechts nach links. Glänzende Körper, glitzernde Wellen. Auf der durchpflügten Oberfläche schwanken Schatten auf Blau. Was unter der Oberfläche sichtbar ist, Körper, Flossen und Luftkissen wird von blauen Lampen angestrahlt und verfremdet. Sonntag, 17. Oktober 2021
Absage einer Einladung
Nov 93
Mit Massendrucksache vom
haben Sie mich einladen lassen an der Feier vom teilzunehmen.
Ich tue es nicht aus folgenden Gründen:
Meine Geschwister von Krawatte und Abendkleid haben sich nicht dazu überwinden können, mir den Preis zuzusprechen, der mir schon deshalb zusteht, weil ich dieses Jahr 1000.- DM für Schulbücher meiner Kinder ausgeben mußte. - Wenn ich das Geld gekriegt hätte, hätte ich mich schon einer Feier ausgesetzt, in der es erfahrungsgemäß von Ansprachen knackt.
Den Professor ... hätte ich ausgehalten, auch wenn er vielleicht mit dabei war, als der mir zustehende Büchner-Preis verweigert wurde.
Damned:
"Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung".
"Akademie der Wissenschaften und der Literatur. "
Da bin ich doch wieder zu Mami und Papi gelaufen!
Ich denk, ich spiel Euch den Reggae- und lande voll in einer Tanzschule, deren Walzerträume auf Mozart stehn!
Ärgere mich über mich selbst. Was ich zu sagen und zu singen habe, gehört doch nicht aufs Tablett, sondern zwischen Cola-Büchse und verstreute Chips auf den Rücksitz!-
...schicken Sie mir bitte rasch mein Manuskript zurück, daß ich meinen peinlichen Ausrutscher vergessen kann: Daß ich das Geld abkassieren wollte, ist voll okay. Aber, daß ich doch im stillen noch nach Frack und Kostüm geschielt habe; verdammt, das ärgert mich.
Im übrigen ist es schon okay: die Jury hat sich sicher ehrlich bemüht und die Preisträger werden schon fleißig gewesen sein (keine Frau dabei?!). Und daß Sie Ihre Unterschrift nicht selbst unter die Einladung meine Adresse nicht auf die Einladung setzen konnten. Ich sehs schon ein.
Keine Zeit nehme ich an. Aber warum soll ich dann kommen? Was für einen Spaß könnte ich dabei haben?
Ihr eigenhändig unterschreibender...
Glaserpreis 1993 nicht abgeräumt
VORBEMERKUNG
Also ich würde dem sprudelnden Brausekopf den Glaserpreis auch heute noch gönnen. Einem seriösen Beamten mit ins Chaos der Midlifecrisis eingetauchtem Hirn.
Die Kolleg*innen in der Jury aber hätten weiterhin ironisch die Lippen geschürzt oder laut aufgelacht. Eins hatten sie mit Glaser nicht gemein: sie waren nicht von Vätern geschlagen worden. Oder waren auch sie der aufkommenden Meinung, eine Ohrfeige ab und an könne nicht schaden?
Ich sprach von Brüdern und Schwestern, wo BeamtInnen des Ruhms das Wort verwalteten als Archivare des Ehrgeizes. Lockruf und Erlauchende kennen einander vom langen Marsch auf den Trog.
Im Rückblick ist es zum Lachen. Dieses freudige Pathos eines Obdachlosen, dem einer einen Fuffi zugeworfen hat.
Aber gerade es und gerade für solche Haltung, diesen Stil hätte es den Preis des Georg Glaser verdient. Wurde denn d e r gelesen? Wirklich gelesen, Ihr achtsamen Totschweiger der geprügelten Generation?
Heute weiß ich von wichtigeren Wichtigkeiten als jenen und dass es nicht darauf ankommt, wer von uns VIP, Wicht und/oder Wichtel war. Ich lasse den jungen Mann seine Sache vortragen.
Manche/r mit Vernunft und Interesse wird hinter Wort und Rhythmus noch etwas entdecken, das anders berührt als Schlag und Vorschlag.
16.10.21 Klaus Wachowski
Meine Einsendung zum Glaserpreis 1993 – nicht gewürdigt
"Fremder sitzt am Bach, Schnee auf der dunklen Erde,
und auf glitzerkaltem Wasser rinnt Ewigkeit hinaus in den Frühling.
Ach‚ arme Kindheit! Jetzt brichst du auf aus den Kellern des Schweigens, ziehst blutend dich zu einer Hoffnung hin: Fee Liebe streichelt zart und holt mich aus der Kälte.
Gib jetzt mir die Schmerzen‚ jetzt kann ich sie nehmen. Noch lebt ein Funke ich im Bunker Eltemstolz. Wo ich mich strecken mußte, mich zu bücken, hältst du mich warm. hilfst du mir sein.
Zu traurig ringelt sich dein Schlips ins Manuskript, du Bruder von der Ehre: komm runter, rein zu mir, laß uns probieren, rauszukommen. Toll ist die Welt und super, zärtlich, alles. . .
Auch du, gebeugte Schwester von der Leere‚ die du polierst das Schöne‚ Wahre, eintauchst ins Grandiose, weil dich Umarmung ekelt; probieren wir‘s?..
Seht mit hinein in die verdorrte Kindheit:
Spürst du die Schläge ins Gesicht, mein Bruder, gnadenlos?
Oder mußt du noch etwas sagen wie "Faschist"?
Hörst du die Worte peitschen, Schwester, giftige Klagen?
Oder erklärst du noch "Patriarchat"?
Laßt es uns sehen, trauern und ... verdammt, sag: "weinen":
Wir hatten nicht die Freude Mutters, Vaters zärtlich auf der Haut, im Haar. Ja: es gab Lachen, Rindenrisse. Gab es auch Lächeln, einfach so? Was ist es, das da schimmert, warm und froh: es waren Schmerz und Angst und tief geduckter Wille.
Was weißt du schon von dir? Ich glaubs dir nicht!
Vater war gräßlich.—
Nur er?
Mach auf die Augen:
Du warst allein. Und ich auch war nicht eines Menschen Freund.
Auch sie waren allein. Aber sie wollen nicht die Trauer, stießen uns hinein.
Trauer, ich rufe dich!
Nicht aus dem Fenster in die Nacht, es ist zu hübsch dramatisch. Erhabne Briefe schreiben vor dem Sturz? TV-Abgang mit Abdruck in Beton? Nein! Eben das ist es, was sie gerade wollten! Ich will den Spaß, Anfassen, miteinander spielen, lachen und quasseln Hand in deiner Hand‚ das Wunder, Leben zu erleben. Und meine Trauer will ich weinen spüren.
Erhaben! -
Kaum sehn wir eine schwarze Haut, schon brauchen wir den Kommentar über das Fremde in der Mitte. Ist‘s nicht die Mitte‚ die sie zur Leere schlugen, kaputte Typen‚ die auf Menschen schlugen und in dem gleichen Haß in ihre Kinder? Fremd den Menschen, menschenfeind. . .
Wie Menschen ihr zu Feinden machtet und uns zu Menschenfeinden, Vater! Mutter und auch du!
0b weiß, ob schwarz, ob rot, ob gelb, was warst du mir? Ein fremdes. Ich mußte schaffen, schuften über dich hinaus.
Was war ich dir? Ein fremdes, über das Du mußtest, das schwarze Loch in Eltern, Voreltern anzufüllen mit dem Applaus der nachgebornen Knechte, Mägde.
Komm raus mir mir! Schließe die Augen, wie sanft dich in den eignen Armen: Wir wollen anders es probieren als mir der Einsamkeiten Panzerglas. Es geht...
Da knüpft ein Mädchen sein Sterben ein in Teppiche: Family will glänzen. Ein Knabe würgt ein Menuett, daß Mamas Krisen lohnen. So hängen wir an Spinnenfäden und jedes Zucken fesselt mehr an family. Mit vierzig leert das Gift sich in den müden Rest und schon bist du verschwunden.
Raus aus der Elite, blau machen mit Woffel. Witzig und hassend die autoritären Schurken. Erbittert, Regen, Dreck und Sonne, die Pauker flau im Bauch und dann die Gründungsworte einer Freundschaft:"du Nazi!", "du Faschist!" Cola, Gulaschsuppe‚ purple haze, music‚ friends and freedom.—
Begegnung: Säufer, Brüder, Revolutionäre. Hexen, Schwestern, Heldinnen der Freiheit. Erwartung riesig, drunter ging es nicht. Riesenenttäuschung, ganz wie es Familie brauchte. Jetzt diskutierten wir‚ was ihr zu leben hattet, den roten Western zu beleben. Es war Familienerbe, links gewendet; die Weltenpläne, euch zu fangen, uns zu fesseln.
So reparierten wir die Zellen exklusiver Wahrheit, staffierten sie mit der Bibliothek der Freiheit aus, zahlten den Tag ab mit der Besoldung von Beamten.
Hey Joe‚ gehört und schon verraten an mein verlorenes Amerika: Träume ans Ende grandioser Ewigkeit: heldisch‚ heldisch, Heldin an der Seite. Das Haar im Wind, vor uns der Fluß und Berg des Dramas Leben. Freundschaft träumte gegen Welt. In Reinheit. Kein Straps störte den Traum auf roten Wappenteller. Hier glänzte Pflichterfüllung revolutionär. Und family wollte uns das nicht nehmen.
War doch auch er gut für die Wand über dem Stammbaum: verlorener Sohn als Django ist okay. Fragt nicht‚ warum wir trauern nicht und nicht bereuen wollen. Der schweigt und geht. Ist in nem andren Film, macht keine Szenen unterm Christbaum. Kommet ihr Kinderlein zum Deutschlandlied vom Tod. Und macht uns gute Stimmung.
Der letzte Schlag war der des Herzens. Ich lernte zu umarmen, hören, reden; dich fühlen ohne Kommentar. Fee am Wasser: Frau bist du geworden und auch Tao; Fläche wird Körper, Fleisch und Atem. Liebe, Ärger, Streit: Juchhuh, ich bin geboren!
Und jetzt die Boxen an, voll auf den Ernst des Lebens! Weg mit dem Bettel, sing mit mir den Reggae! Die drei dort an der Ecke, die planen einen Bruch. Schrotflinte her und auch die Freude, zu sehen, wie da die Lust am Leben Arme schlenkert, wackelt mit dem Arsch. Hey Boys, ihr müßt dazu, wenn Sonne kommt zum Tag!
Der Mond, ein Traum der Menschheit? Mir nicht und auch nicht dir. Aber der Hansl Pfefferle, der kann Geheimschrift an der Wand und Janosch kennt den Josa mit der Fiedel. Es gibt noch Zauberer im Vaterland, weit weg von Söhnen, die zu Vätern, Töchtern. die zu Müttern geschlagen werden und gekrümmt.
Nicht Blümchen auf des Spießers Rasen: verschmiertes Kind aus dem Geburtskanal; ein Wunder war ich, warst auch du und du. Und du fragst noch, was du hier sollst in dieser schönen‚ supergeilen Welt?...
Laß Dir was einfallen! Such deinen Kuß und hör nicht auf den Quatsch von Geistern. Nietzsche gib nicht an: vor den dessous der Liebe und des Lebens rutschen deine Phrasen. Karl Kraus, mal raus: dein reines Streben geht mir an das Leben. Goethe rück n Stück: ich brauch jetzt einen Blues: unrein, unrein, aber atmend.
Mozart, bleib mir aus dem Kinderzimmer! Dir war die Kunst doch Krücke für den Gang zu Fürst und Vater, und Biegestock fürs böse Kind. Vorsicht! Romantik springt dich aus der Hecke an, wenn Leben mal vor Regen Deckung sucht. Genie und Bratkartoffel, laß sie draußen! In deiner Mitte ist was fremd, fragil, heißt "Fühlen". Nicht "einen Baum umarmen", groß; ein Blatt nur einfach fühlen.
This is a man‘s world: Küssen verboten, Tränen; kurz: beschissen. No chance: skurril müssen wir werden oder sein wie die: groß, groß und leer und fremd in unsrer Mitte.
Fremd in der Mitte sind wir mit allen schwarzen, roten, gelben Schwestern, Brüdern. Ach, macht aus euren Kindern nicht den Stolz von den Krawatten. Seid andre Vater -, Mutterhände. Laßt euch nicht Größe geben, nehmt die Chance.
Was für ein Dschungel. Argh!- Es stinkt bestialisch. Ist er schon hinter mir, der Garten, der bestialisch duftet? Ah-la-la-la-la-long?
*
Das war die Kokosnuß: Tarzan und Jane: jetzt holt mir auch den Preis! Aus eurer Mitte rief dies Klaus."