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Dienstag, 7. Mai 2019

Vor 2000


Landschaft in buntem Glas - Reste aus 92 bis 99

Die Natur ist grau, saftig von Regen. Voll Wind..
Grau-bleich-braun-schwarze, abgeknickte Grashalme in gekreuzt liegenden Bündeln. Feucht die Erde und dunkel. Zwischen den Halmen, im Grau kaum zu erkennen der Kopf eines kleinen Singvogels.
Ein mundgeblasener Glasvogel, in den eine blau gefärbte Feder eingeschlossen ist.
Dunkelndes Blau in Himmel und Meer oder in der Kittelschürze deiner Großmutter.
Oder du siehst die Feder vom Leib des getöteten Vogels, die Gebeugten, die die Vögel rupfen müssen.
Im blauen Sauerstoff atmen oder vom Verwesungsgeruch aus dem Container, in den jene geworfen wurden.
Spürst du das Brennen in den Lungen der Glasbläserinnen und das in ihrem Herzen?
Sehnen sich deine Lippen nach den ihren?
Werden deine Augen im gebrochenen Blick des Vogels dunkel?
Schmeißfliegen auf Hundehaufen 
Friede. Ich beobachte, wie sich die Ewigkeit aus einem Darm bedient, grün glitzerndes Leben.
Der erhabene X, der gerade in dieses Glück hineintappt. Ich verwandle ihn in eine Schmeißfliege.
Die Sonne sticht. Wer schaffen muss, hockt in dunklen Räumen. Einatmend Kräuter und Lavendel spüre ich tiefer den Himmel. 

Die Fliegen sind weg. Ein Häufchen Elend wartet auf den Schuh, es in die Welt zu tragen. 7/94 
Green Trees aus dem Café gesehen. 6/94
Flamenco auf Stereo.Le-lo-lai und ein Opel von 85. Wo geht Django?
Wolken hängen sich unter die Sonne. Ein Blick aus dem Küchenfenster in die Büsche überm Zaun. Ein roter Vogelmund aus dem Blau ruft, ich solle kommen. Aber welche Einsamkeit, wenn Ich gehe!- Wo ist der Freund, mit zu erkunden, wo das Leichte am Weg steht und das Dunkle zum Ruhen lockt? 

Love Becher für 2.
Ein Bull-Bomber in rot und blau. Das will ich mit dir runterdrücken, lecken, dass sich die Geschmacksknospen stellen, schwellen über das, was die Steinbeißer uns wegfressen wollen.
Verkehrsberuhigung
Busch, Einfahrt, Stellplatz, Haus. Busch, Haus, Stellplatz, Einfahrt. Mit 30 km/h durchs Neubaugebiet. Reggae im Kopf. Eine elende Rechnungsprüfer-Existenz. Schöner neuer Verputz. Praktische Gestaltung des Sommergartens. Romantisches Erkerchen.
Was wird hier ausgebrütet? Ein gegenseitiges Arbeiten, die Freizeit hinter sich bringen. Ob Beton oder Marmorstein: die Träume kriegen sie schon klein. Und bald steht ein Haus drauf, der erste Sarg um deinen alt werdenden Körper. Also joggen und Body builden.
Fertig. Dein letztes Abenteuer war vor 30 Jahren der Gang zur Eisdiele. 6/94
Begegnung
Wo unter Zweig und Blättern blauer Himmel schien und Wind mit der Sonne sprach, kriecht aus den Achseln der Bäume dein Hass. Sprungbereit krallt sich die Pranke in schmerzende Rinde. 
Darf ich der freundlichen Erinnerung glauben? Zu sehr ist der Leib geschunden. Zu laut ruft es aus meinem Blut. Ich durfte nicht vertrauen. Aber jetzt bin ich. 
95er Amselfelder
Hej, du, kleine Amsel. Wieder froh? Warst nicht du es, die schon im letzten Jahr hier aus den Bäumen gezwitschert hat.? Und du da oben in deiner Maschine: ist es dieses oder war es nicht auch letztes Jahr um diese Uhrzeit, als du in diese Gasse sehen konntest? Ich höre das Wasser unter der Straße, ich höre das Gas im Kasten der Versorgungsfirma zischen. Aber vor einem Jahr, da war ich noch in der dunklen Röhre des Mobbing. Die drei Affen hielten mich noch unter Hypnose. Jetzt höre und sehe ich. Ich rede wenn ich kann. Wenn es nur so weiter blüht. 

Das erste gar nicht so praktisch blickende Hirtentäschel-Kraut kommt heraus. Schon blühend. Morgen ist es gefressen und fünfzig neue sprießen hervor. Der Frühling kommt nicht. Er ist schon da. Schamlos spreizen sich die Birkenkätzchen.
Ich habe mich verändert. 1995
Die Luft geht in mich hinein und verwandelt sich in Atem. Mit meinem Bruder Baum strecke ich mich aus in Wind und Regen. Es fließt in mir und aus mir heraus strömt ein Gesang. Die Erde: ich spüre froh ihren Druck gegen meine Füße. Ich atme. Atme.
Boss 1993
Mann, komm ich ins Büro,  
Da sag ich Scheiße, Scheiße...
Die Stechuhr singt das Deutschlandlied   
Kollege hackt den Nazi-Beat
Ich aber sing dem Arsch zum Gruß  
Den Blues.  

Big Daddy schiebt die Roma ab,
den kenn ich doch von Dachau. 
Den Kopf im All
von Hundekot 
macht der am Schreibtisch Menschen tot.  

Hej Plastic - Lady nimm Dein Herz,
tauch es in den Kaffee  
Computerjo grapscht nach der Brust 
Dich packt die Wut   wie gut das tut
den Joy- stick tritt mit Lust. 

Oh, Boss du hast es voll im Griff 
und ziehst uns durch die Scheiße; 
Krawatte ringelt sich im Sekt, 
den Scheck ins Beutelchen gesteckt,
Ich aber sing Dir Arsch zum Gruß
den Blues
Abend 1994
Baum blau aus dem Raum  
träum mit mir den Regentraum 
Wind biegt sanft die Äste 
Frucht schau rot heraus 
Zwitschern aus dem Vogelhaus 
Wolken hoch in Abendwettern
Pfützen spiegeln warmes Licht 
Lächeln steht im Angesicht 
Tier steigt aus den Blättern 
1995 
Eine Abschiebung
Die Revision wird abgewiesen  

Knüppel schlägt Auf Wiedersehn
Nichts zu schreien: gern geschehen 
komm nur Schwarzer, schau herein, 
gleich wirst du gefesselt sein. 
Was ist eines Menschen würdig, 
der Dr. kommt, schon bist du fertig.
Eingewickelt, abgespritzt, 
schreie nur, der Knebel sitzt. 
Du willst nur leben?
Ja, das sagen alle. 
Pardon wird nicht gegeben. 
Mensch sitzt in der Falle  1995
Es tropft
Vom Dach des miesen Advokaten,
schmierig, schmierig
- grau das Pflaster,
die Fußgänger shivern vor Kälte-
fällt ein Tropfen aus der Ewigkeit
der Nichtbeachtung
in die des Vergessens.
Ein Augenblick in der Glasscherbe
meiner Aufmerksamkeit.
Sie ist schon zerbrochen. 6. 98
Eine Himbeere,
nicht ein Topf voll, nicht ein Kilo: eine einzige Himbeere ist das, was mir am 22.6. den Sommer öffnet. Nichts daran ist mystisch. Überall ist der rote Punkt im Grünen kostbar.
Das Feeling ist in einem Brausebrocken versteckt. Es bizzelt hinterm Müllcontainer, wo die Schmuddelkinder Bulle und Bruce Lee spielen. In der Wasserpfütze eures veredelten Dorfbrunnens, solange die Dreijährigen noch hineinpinkeln, im immer sich wiederholenden Tratsch der Alten. 6.94 
Einbauspüle "Virgo"                     
*
Eine Beerdigung

Stille und Morgenlicht
Der Gesangsverein versetzt unseren Gefühle in Moll. Es gibt wirkliche Tränen. Schwarzer Vogel Pfarrer macht es kurz. Empfiehlt uns seinem Herrn. Wer nicht glaubt, wird fühlen.
Über den Bäumen, hoch oben, kreist ein Bussard. Es sprechen der Vorsitzende des Sportvereins, der Musik, der SPD-Ort, der SPD- Verband, Stellvertreter Landrat. Ein Riesentransporter mit Baumaterial zieht vorbei. Es beginnt in die Verdienste zu regnen. Der Sarg wird naß. Die Schirme klappen auf. Traurig.
Dank, vier Kränze und aufrichtige Selbstdarstellung. Die Familie wendet sich ab. Der Bussard kreist. Der Transporter fährt zur nächsten Baustelle.
Lady mit der Orangenhaut
Es ist nicht wahr, daß die Menschen heutzutage ununterscheidbar sind. Im Gegenteil: fast schmerzhaft die Ansammlung von Typen und Originalen. Du kannst nicht einfach nur spazierengehen und grüßen. Du mußt besonders angemessen grüßen: den Cowboy, die Sängerinnen des Jazz oder Gospel, Parfum Sabatini, den Pit-Bull und den Paten. Daneben die brutalisierten Patrouillen von uniformierter Mode. Aber es gibt auch die Inseln des Lichts vom Augenblick.
Lady mit der Orangenhaut aus der knappen, knappen Hose. Ich möchte dir zurufen: "Bravo!"-es ist deine Welt, du bist nicht ihrer Reklame. Wonach duftet deiner Haut? Ja, du bist ein menschliches Wesen. Aber, daß ich deinen Körper bemerke, ist keine Verletzung deiner Würde. Deine zu einem Nest von Feuer aufgetürmten Haare. Sie fangen unserer Phantasieen ein. Unfall auf gerader Strecke . Der Mercedes zerlegt sich in seine Einzelteile. Es war der Duft, den dein Bewegen in meiner Nase auslöste. Dunkle Wolken umschließen meine sich erhebende Lust.
Ein Plan, ein Auftrag, eine Arbeit unterbrechen die Umarmung des Gehirns durch den Leib. In Sonnenstrahlen badet die Orangenhaut. Aus unseren verlorenen Blicken saugst du die Energie für einen neuen Tag.
Im I -Max Kino
In einem See einer Inselgruppe des Pazifik findet sich eine seltsame Quallenart. Vor Jahrtausenden abgeschlossen, haben die Quallen als herrschende Tierart die Nesseln eingefahren und kultivieren unter ihren Hautkuppeln Gärten von Algen, die sie mit dem Lauf der Sonne durch den See fahren. Tiefer die rot leuchtende Sperrzone des Gifts der noch tiefer lebenden Bakterienart. Schweigender Zyklus, nicht weit entfernt von den Abgründen der Einsamkeit, in der Kometen ihre Bahnen schwimmen.
Muschelscherben auf der Fensterbank erinnern mich an das Rauschen des französischen Atlantik. Ein Seeigel weich und vorsichtig, saugt sich an ihren Schalen fest, bricht sie gegen die gewaltigen Kräfte der Angst einer Muschel auseinander, stülpt seinen Magen über sie, verdaut die aus allen Schmerzen blutende genüsslich. Ein ungeheurer unhörbarer Schrei erschüttert die Welt - nicht!..
Ein Arbeitsplatz

Ruinen von Machtmissbrauch. Einer flieht und fliegt vor jeder festen Bemerkung in alle Richtungen der Entschuldigungen. Vom entschuldigenden Angriff zur entschuldigenden Verteidigung. Eine Frau, zerbrochen, gehorcht. Es gibt das stillschweigende Abwesendsein und das verzweifelte Umklammern all dessen, was das Leben außerhalb von Arbeit lebenswert macht. 

Und endlich den mit gewaltiger Anstrengung erhaltenen Willen, sich nicht alles bieten zu lassen. Zwischen Aggression und Depression auf höchster Stufe der Irritabilität.
Jünger-Bonbon 

Kulturameise einer Besatzungsarmee. Genießer der Dorsche und der Bombardierung von Paris. Nicht anders als der Kolonial-Alkoholiker aus Paris in der neueren Zeit.
Mit den Mut zu sterben hundert Jahre alt werden, wo Kinder voll von Todesfurcht verhungern, vergast, in die Luft gejagt, gegen Baracken-Wände geknallt werden. Nichts gegen das biblische Alter eines registrierenden Lebens. Alles gegen seine Verehrung.
Was muss ich, der Atem spürt, mich mit einer Panzerplatten-Natur befassen? Diese Leere war es, der unserer Kindheit Weinen nach Liebe antwortete. Ich habe die Chance wahrgenommen, auszusteigen und das Leben, das sie mit ihren Heldenschmierereien verpatzen, zu erfahren. Es ist auf andere Weise schön. Das Erhabene schenke ich dem Hochhuth 1.2.95 
Maiveranstaltung 1.5.95 
So wenig Teilnehmer wie irgendwo in den USA. Wer von diesen würde gegen die Diktatur oder den Fanatismus beistehen? 

Ein Roboter klagt Arbeitgeber an, sie setzten Maschinen ein an Stelle von Menschen. 
Abends im TV ein Interview mit einem modernen Betriebsexperimentator: die Arbeitslosigkeit wird auf 60 bis 70% in der allernächsten Zukunft steigen. 
Lösung:
6 Monate Fabrik-Maloche, 
6 Monate Wunsch-Arbeit. 
Warum sechs Monate Fabrik?
Bauchatmung.
Nach einem zum Zerbrechen angespannten Gespräch und zwei Tagen nachwirkender Aufregung kehre ich aus den eingeschlämmten Ebenen meiner Kopfschmerzen zurück in die Höhle meines-ich weiß nicht wie ich es anders bezeichnen soll-Uterus. Es ist dort warm, feucht, atmend bewegt. Ich fühle mich in einer nährenden dunklen Flüssigkeit schweben und atmen.
Wolf zündete eine Zigarette an. Die Flamme des Gasfeuerzeugs schneidet durch meine Gedanken und ein Gewaltklotz tritt auf meine friedlich mäandernde Menschheits-Freundschaft.
Furcht, Gewalt und Haß haben jetzt das Leben zu ihrem Baseball erklärt, und im Niemandsland des öffentlichen Raums machen sie unter den Augen einer teils gleichgültigen, teils glotzenden, teils gelenkten Macht Jagd auf die wenigen frei oder sensibel blickenden Gesichter. Die Straßen sind offen, die Parks breiten sich friedlich vor dem träumenden Besucher aus. Du kommst nur durch die Kotz-, Brüll-und Prügelgasse der neuen Freiheit hinein.
Und dann ruft es hinter dir: " Er macht nichts. Bleiben Sie nur ruhig stehen. " 6/98
Flug der Wappenteller
-Plunz-
Ich sage:... "Wie der da mit Menschen umgeht!" Du sagst: "Ah, er ist eigentlich okay. Man muss ihn nur zu nehmen wissen." Also sagst du: „ Der König ist nicht schlecht, wenn sich die Knechte richtig verhalten.“
Da hast du mich ertappt, der auch den besten König für eine zu bekämpfende Einrichtung hält. Der dem Menschen im König zuruft: befreie Dich. Wie kannst du Menschen sehen, wenn dir ein König strahlt? 

Ich bin so blind, in einem König den Menschen zu sehen und rede ihn an als Menschen. Er ist beleidigt und Du gibst ihm Recht.
Alter Stein 

Ein alter Stein kann rollen and tumblen. Aber ein fertig gemachter Alter soll das Maul halten und Weisheit von sich geben. Wie sieht seine Welt aus? 

Einer ist aus einer fertigen Jugend in den fertigen Rangierbahnhof geschleppt worden. Einen haben Fertiggemachte fertig gemacht und mitgebracht. Einen hat die Familie erledigt und einer hat sich hinausgeprügelt, hinaus gesoffen und -geschafft. Der Chirurg macht seinem letzten Versuch an ihm.
Diese Brocken rocken und rollen nicht mehr. Die Rottweiler scheißen drauf und eine neue knackige Jugend von prallem Willen voll macht mit ihnen Kugelstoßen und ihre ersten freien Zertrümmerungs-Versuche: Zisch ab, alter Sack.        1998

Mittwoch, 16. August 2017

1983

Versuch Tagebuch zu führen 2.2.83

Anblick bei Neonazi- Diskussion in 1/83 

(Fried?)
Aufgeschwemmter, alternder Lebemann mit politischem Drang. In der im Verhältnis zur düster drohenden Mine dünnen Stimme ein Liebesgedicht von "deinem Schoß, deinem Schoß, deinem Schoß" vorgelesen.

Glaubt daran, auch Lumpen unter Neonazis überzeugen oder wenigstens desavouieren zu können. Bringt dies fauchend vor - gleichgültig über die Gefahr und den Ekel hinweg stürzend, welche deren Produktion hervor bringen.

Intellektueller mit falschem Pathos. Es dröhnt von nicht begreifendem Selbstbewusstsein.

7.2.83

Als ich das Donald Duck Gekreisch des Adolf Hitler höre und das Brausen der idiotisierten Masse, fällt mir ein, daß mit Musik alles besser geht.

9.2.83

"Die Weiber haben wenigstens Toiletten. Aber womit decken die Männer ihre Leere?" Karl Kraus

Sie versuchten es mit langen Haaren und Bärten, wodurch die Komponente Neandertal mehr in den Vordergrund trat. Nun scheren sie sich und strecken  der Welt den wahren Schafskopf entgegen. So sollte doch von Fall zu Fall die Frau entscheiden.

Bekenntnis 2017: Ich gehöre zum Typ 1

11.2.

All die Mühe, um einmal mit Recht vergessen zu sein.

12.2.

Die Schamlosigkeit, in der Öffentlichkeit Bild - Zeitung zu lesen. Er steckt ja nicht nur seine Dumm-heit, auch seine Geilheit vor.

*

Ob sie bloß Aussteiger oder nicht doch Aufsteiger sind?

18.2.

Jenseits von Gut und Böse tanzt sich Zarathustra den Eindruck Schopenhauers aus den Knochen. Er lacht die Welt aus, aus der ihm das Schweigen der Erkenntnis antwortet. Ein Epigone, der nicht mehr, sondern besser wissen will. Seitdem stürmen sie die Berge, das Meer unter sich zu sehen. Der so sportliche Wille zur Macht, der Drang nach oben, zeigt seinen Rücken, den die Angst vor der Tiefe schiebt.

20.2.

Jede der tausend Verdrießlichkeiten des Alltags wirkt stärker als die Angst vor dem Atomkrieg. Davon lebt die Politik in der Zwischenzeit.

1.3.

Aber der Weise erkennt auch hinter all der unbelebten Literatur den Willen zum Leben.

(Heute würde ich fragen, wer den wohl dieser Weise sei. Dann würde eher der Rechnungsprüfer aus mir sprechen und den Willen zum Leben in seiner speziellen literarischen Erscheinung als Willen zur vorteilhaften Verbindung auch so benennen. Schließlich würde ich all die unbelebte Literatur noch einmal daraufhin durchsehen, ob dem Blick des das richtige Weltbild verzweifelt suchenden Ideologen da nicht richtig gute Literatur entgangen ist.)

*

Zum Leidwesen des Staatsapparats will es der Technik nicht gelingen, aus Menschen viereckige Tomaten zu züchten, während es ein bleibendes Ärgernis des Liberalismus ist, daß Persönlichkeit keinen Anspruch auf Einräumen eines Steuerfreibetrags begründet.

(Ergänzung 2017: Man behilft sich derweilen mit der Kameraderie im Privileg).

*

Vermummungsverbot für Steuerhinterzieher? Wozu gibt es Datenschutz?

8.3.

Mens sana in corpore sano

Zu Deutsch: gesundem Geist entgegenzuwirken bedarf es eines vitalen Körpers. Nur ein gesunder Körper macht ein gesundes Volksempfinden.

10.3.

Er und sie

sein erotisierter Geist umspannt das All. Als sie sagt: "Ich liebe Dich", zerplatzt der Ballon. Wenn das Weltall leer ist, erscheint selbst das winzige Etwas von Strahlung des Atoms als gewaltig. Es ist eine Entfernung denkbar, aus der Atom und Sonne gleich groß erscheinen. Es hat allen Raum, ihr auszu-weichen, sie alle Zeit, es einzuatmen.

*

Ein Gigolo

angeblich soll auch ein Neutrino Masse haben, wiewohl noch kein Wissenschaftler an einem von ihnen etwas an die Fähigkeit, von Körpern angezogen zu werden, erinnerndes, bemerkt hat.

Ich vermute, daß es Neutrinos nur als Rechengröße gibt.

11.3.

Künstler für die SPD, Künstler für die Grünen.

Ich habe dennoch so gewählt, weil die Parteien auf die Künstler pfeifen. Die Grünen stehen noch phantasievoll da. Aber wie es der Egoismus will, werden Sie sich bald in einen Natur - und in einen Kulturzweig spalten, woselbst aus ersterem die Partei wieder in Persönlichkeiten, aus letzterem in lustige Gesellen mit melancholischer Note zerfallen wird. Der Rest wird in die Reformhäuser einge-gliedert.

Anm. 2017: Karriere war nicht voraus zu ahnen. Sie pfiffen nicht nur auf Künstler (die Grünen entle-digten sich –wie der Film zeigt - auf schäbige Weise Beuys), sondern auf die dort deutlichere Sensibilität.

*

Ein markantes Gesicht aus Beton.

*

12.3.

Wenn dem Wolf ein zivilisiertes Gesicht angezüchtet wird, entsteht die Dogge.

*

Ein Technokrat mit einer Naturburschenmentalität, der es auf ein paar Strahlen mehr oder weniger nicht ankommt.

13.3.

Die anarchistische Jugend versteht doch etwas ganz anderes unter persönlicher Freiheit als ihre liberalen Alten: die wollen sich vom Finanzamt nicht ins Einkommen gucken lassen, jene nicht von Amt für Ausbildungsförderung. Beide verbitten sich die Einmischung des Staates in seine Finanzangelegenheiten.

*

Aus einer Physiognomie ein Antlitz oder eine Visage schnitzen.

***

Hier enden die Einträge. Die Tätigkeit des Schnitzens hinterlässt manchmal doch auch Schnitzer und Schmarren. Insbesondere, wenn im Rausch der Ichentwicklung noch allerlei Ideologie und Grundsatz die Hand führt. Das ist wohl manchmal mit Langeweile oder seltsamem Beigeschmack zu lesen. Aber so waren wir und so sind wohl unsere Nachfolger. Es hat seine schönen Seiten nicht nur gehabt. Und die Abgehobenheit des Alters muß nicht Siegel der Weisheit sein. Das wird wohl eher bei der Narrheit des Alters zu finden sein. Welche dann das zutreffende zu ihrer Wichtigkeit sagen und pfeifen wird.

Dokumentiert für Nachleser und als Ermunterung für Selbstdenker auf der Suche.

Freitag, 11. August 2017

Bereinigtes aus den 80ern

Ein Mitleid, das hilft, wenn das Opfer sich durch Charakter legitimiert!

Dem Leiden stecken sich ohnedies nur wenige Hände entgegen. Es wage nicht die Bitte, über die bare Existenz hinaus am Leben auch noch teilzunehmen. Es verwende das gleiche Parfüm von Kultur und zeige nicht, das es die höhere Zivilisationsstufe von Bierfusel und Weindusel nicht riechen kann. Intellektuellen gegenüber treffe sein Angstschrei den rechten weltanschaulichen, zu Zwecken der Lyrik verwendbaren Ton. Die Nase ist das dem Herzen gegenüber höher entwickelte Organ.
Reue und Verbrechen
anlässlich Bericht der FR 20.3.87 zum Euthanasie - Prozess des Dr. Ullrich

Das Widerwärtige ist nicht, das ein von Strafe bedrohter Lebenswille die abseitigen und übelsten Argumente zur Verteidigung nutzt und Barmherzigkeit lügt, sondern, daß er nicht bereut. Aber Reue nimmt ja freiwillig und- im achtenswertesten Fall- die Strafe gerne auf sich. Strafe hat den Sinn, den Triumph des Verbrechers angesichts des Leidens aufzuheben - allerdings durch Leiden. Das ist die Gemeinschaft den Opfern schuldig, doe sie nicht schützen konnte.

Der gewöhnliche Verbrecher kann als entschuldigende Grundlage seiner Tat nur den Aspekt der eigenen Notlage vorbringen, sei es innerer Zwang, sei es äußerer Mangel. Je nach Größe der Zwangslage kann dann im Sinne der Opfer straffe vermindert oder verschärft werden. Damit müssen Opfer oder Angehörige dann leben. Bei Nazi - Verbrechen ist es in der Regel so, das die Notlage auf Seiten des Täters darin bestand, sich bei der Wahl zwischen Gehorsam und Verweigerung, also zwischen Wohlbefinden und geringfügigen Nachteilen, sich für die Karriere entschieden haben. Die strafverschärfende Motivation wird leider nur von den Opfern und den Angehörigen wie wenigen Beobachtern regelmäßig erlangt. Die solcherart mangelhafte Fähigkeit der Gesellschaft zu ethischem Urteil ist hinzunehmen und der insgesamt kläglichen Beschaffenheit des Lebens selbst zuzuschlagen.

Von Rache unterscheidet sich Strafe insofern als sie das Leiden, das sie verhängt an der Größe des Leidens orientiert, das die Tat dem Opfer zufügte, insofern als es Rechte gegenüber Menschen hatte. Rache geht darüber hinaus, indem sie auch leiden verfolgt, das nicht der Tat zuzurechnen oder dem Opfer selbst geschehen ist. Ihr Ziel ist nicht Aufhebung des Verbrechens, sondern Leiden des Verbrechers.

Opfer, Angehörige und der von Abscheu bewegte Betrachter erwarten, über die Bestrafung der Tat hinaus die Abkehr des Täters von der Tat. Strafe u.U. d Rache sind nicht zu solcher Wirkung fähig: der Schuldige wird dadurch zur Furcht vor den Verfolgern, nicht zu reuigem Mitleid bewegt.
*
Todesstrafe
"Es ist etwas in meiner Hand, das sich weigert, ein Todesurteil zu unterschreiben. "  Charles II. von England.
Während in den Händen manches aufgeklärten Staatsoberhaupts häufig etwas ist,  das sich weigert, eine Begnadigung zu unterschreiben.
*
Über Feigheit

Mut ist, wie Schopenhauer bemerkt, keine Eigenschaft von moralischer Qualität. Die Überwindung der( berechtigten) Furcht durch ein die Zwecke der Selbsterhaltung verdrängendes Motiv ist aber im Gegensatz zu Schopenhauers Deutungsversuch nicht schon wegen der Verachtung des Lebenswillens auch der Achtung wert. Ob Mut moralisch oder verächtlich ist, hängt allein von der Qualität des Motives ab, die ihn hervorbringt.

So kann der Selbsterhaltungswille sowohl durch ein Motiv überwunden werden, das sich aus der Hoffnung auf einen sadistischen Genuss für einen niederträchtigen, als auch durch ein anderes, das sich aus dem Anblick eines Leidens für einen barmherzigen Charakter ergibt. Ob der Mut sich dagegen anlässlich einer verzweifelten oder einer hoffnungsvollen Situation zeigt, hat Bedeutung nur hinsichtlich seiner Größe ( im Verhältnis zur überwundenen Angst), nicht hinsichtlich seiner moralischen Qualität. Es gibt großen Mut in menschlichen wie in bestialischen  Angelegenheiten.

Ebenso kann Feigheit in moralischen Dingen keine Schuld wie in niederträchtigen keine moralische Achtung begründen. Wo etwa der Selbsterhaltungstrieb über das Mitleid siegt, ist das Handeln nicht der Achtung würdig.

Da Selbsterhaltung Grundlage des Lebenswillens ist, richtet sich die Verachtung der Feigheit gegen das Leben, den Menschen überhaupt. Der Einzelne muß aber nur insofern, nicht für die spezielle Tat, sondern für sein Menschsein überhaupt die Verachtung annehmen. Und für das Tun oder Unterlassen mag er strafrechtlich - von der Tat her - verantwortlich sein. Moralisch, im Feld der Motive, ist die Schuld unmöglich zu ermessen. Daß er "so einer ist", oder war, z.b. überhaupt fähig war, böse zu wollen, nicht zu bereuen, ist das, was wir nicht begreifen, weder bejubeln noch verachten können. Wir verachten und bestrafen aber, dass er dieses Wollen umgesetzt, sich vom auch-Mensch-sein abgewendet hat.

Schwieriges, nie abgeschlossenes Metier, am Einzelfall stets neu zu verhandeln. (Nachsatz 40 Jahre später)