Samstag, 14. September 2019
1996 Kompetent und potent in Zürich
Mittwoch, 11. September 2019
Der Himmel geht auf
Dienstag, 7. Mai 2019
Vor 2000
Landschaft in buntem Glas - Reste aus 92 bis 99
Die Natur ist grau, saftig von Regen. Voll Wind..
Die Fliegen sind weg. Ein Häufchen Elend wartet auf den Schuh, es in die Welt zu tragen. 7/94
Love Becher für 2.
Das erste gar nicht so praktisch blickende Hirtentäschel-Kraut kommt heraus. Schon blühend. Morgen ist es gefressen und fünfzig neue sprießen hervor. Der Frühling kommt nicht. Er ist schon da. Schamlos spreizen sich die Birkenkätzchen.
Da sag ich Scheiße, Scheiße...
Die Stechuhr singt das Deutschlandlied
Kollege hackt den Nazi-Beat
Ich aber sing dem Arsch zum Gruß
Den Blues.
Big Daddy schiebt die Roma ab,
den kenn ich doch von Dachau.
Den Kopf im All
von Hundekot
macht der am Schreibtisch Menschen tot.
Hej Plastic - Lady nimm Dein Herz,
tauch es in den Kaffee
Computerjo grapscht nach der Brust
Dich packt die Wut wie gut das tut
den Joy- stick tritt mit Lust.
Oh, Boss du hast es voll im Griff
und ziehst uns durch die Scheiße;
Krawatte ringelt sich im Sekt,
den Scheck ins Beutelchen gesteckt,
Ich aber sing Dir Arsch zum Gruß
den Blues
träum mit mir den Regentraum
Wind biegt sanft die Äste
Frucht schau rot heraus
Zwitschern aus dem Vogelhaus
Pfützen spiegeln warmes Licht
Lächeln steht im Angesicht
Tier steigt aus den Blättern
Knüppel schlägt Auf Wiedersehn
Nichts zu schreien: gern geschehen
komm nur Schwarzer, schau herein,
gleich wirst du gefesselt sein.
Was ist eines Menschen würdig,
der Dr. kommt, schon bist du fertig.
Eingewickelt, abgespritzt,
schreie nur, der Knebel sitzt.
Du willst nur leben?
Ja, das sagen alle.
Pardon wird nicht gegeben.
Mensch sitzt in der Falle 1995
schmierig, schmierig
- grau das Pflaster,
die Fußgänger shivern vor Kälte-
fällt ein Tropfen aus der Ewigkeit
der Nichtbeachtung
in die des Vergessens.
Ein Augenblick in der Glasscherbe
meiner Aufmerksamkeit.
Sie ist schon zerbrochen. 6. 98
Stille und Morgenlicht
Ruinen von Machtmissbrauch. Einer flieht und fliegt vor jeder festen Bemerkung in alle Richtungen der Entschuldigungen. Vom entschuldigenden Angriff zur entschuldigenden Verteidigung. Eine Frau, zerbrochen, gehorcht. Es gibt das stillschweigende Abwesendsein und das verzweifelte Umklammern all dessen, was das Leben außerhalb von Arbeit lebenswert macht.
Und endlich den mit gewaltiger Anstrengung erhaltenen Willen, sich nicht alles bieten zu lassen. Zwischen Aggression und Depression auf höchster Stufe der Irritabilität.
Kulturameise einer Besatzungsarmee. Genießer der Dorsche und der Bombardierung von Paris. Nicht anders als der Kolonial-Alkoholiker aus Paris in der neueren Zeit.
Ein Roboter klagt Arbeitgeber an, sie setzten Maschinen ein an Stelle von Menschen.
Abends im TV ein Interview mit einem modernen Betriebsexperimentator: die Arbeitslosigkeit wird auf 60 bis 70% in der allernächsten Zukunft steigen.
6 Monate Fabrik-Maloche,
6 Monate Wunsch-Arbeit.
Ich bin so blind, in einem König den Menschen zu sehen und rede ihn an als Menschen. Er ist beleidigt und Du gibst ihm Recht.
Ein alter Stein kann rollen and tumblen. Aber ein fertig gemachter Alter soll das Maul halten und Weisheit von sich geben. Wie sieht seine Welt aus?
Einer ist aus einer fertigen Jugend in den fertigen Rangierbahnhof geschleppt worden. Einen haben Fertiggemachte fertig gemacht und mitgebracht. Einen hat die Familie erledigt und einer hat sich hinausgeprügelt, hinaus gesoffen und -geschafft. Der Chirurg macht seinem letzten Versuch an ihm.
Aus 1988
Zu Nietzsche,
Dem Ich-Ich der Lebenslust
In diesem Augenblick erfahre ich alles Glück, in jenem allen Jammer des Lebens. Es gibt keine Summierung nur Wiederholung solcher Erfahrung. Was sich dazwischen ausdehnt ist Nichts.
Und eben weil Glück und Leid nicht addierbar oder subtrahierbar sind, gibt es keinen Grund, einem keimenden Leben den Eintritt in die Wirklichkeit zu versperren.
Wer ihm allerdings das Leiden eines Atomschlag ersparen will, erspart seinem Kind auch alles Glück vom ersten Lächeln auf dem Leib der Mutter bis zum letzten Sonnenuntergang.
Montag, 6. Mai 2019
Aus 2001
Images,
(Nb. 2019: Wer dachte an hinterlüftete Fassaden?)
Die Geste des Triumphs, wertvoller als der Triumph. Die Geste der Verzweiflung: erhaben. Du winkst mir von fern bedeutend und deine Braue wölbt sich über einer Eiszeit-Höhle.
Wir begegnen uns in durchdesigneten Glaspalästen sehr geehrter Damen und Herren. Sie geleiten uns in authentischer Freundlichkeit in eine Geisterbahn der Gesten.
Strassen der Macht
Auch die Republik ist stets gefährdet: Mehr Freiheit will nicht nur der Bürger, auch die Willkür der Clique, mehr Ordnung will nicht nur der besorgte Bürger, auch der Lynchmob. Alle, die den Austausch von Meinungen in Räten und Parlamenten für Gequatsche halten.
Ich habe einen Tagtraum:
Ich bin wieder auf den Strassen der Macht. Die Anmaßung kommt mir entgegen. Mit Gefolge. Catilina, die Ratte und der Feigling Cäsar. Ich beiße mir auf die Lippen und gehe zur Seite.
Am Abend treffe ich Dich mit Deiner Freiheit.
Und wir gehen den Weg, der uns gehört und allen. Und wenn die Clique kommt, stehen wir fest. Wir spüren, wie mit der Zustimmung der Ungefragten das Recht wächst und die Freiheit. Der Spuk vergeht.
Dem Tag folgt die Nacht.
Aber der Nacht folgt der Tag . .
Hellblauer Himmel,
ein Strauch bietet Cluster von roten Beeren, eingetaucht in Licht. Die Kälte zwickt an den Ohren: Hallo, Klaus! Ich, die Welt, bin auch noch da!
Ein Kopf voll sperriger Projekte, ein Bauch voll Musik, gehe ich weiter und weiter , fern von mir, mich beobachtend.
Ist es nicht schön, Ihr Dichterinnen und Dichter, die Welt in Worte zu gießen, Essenzen von blau, rot und Licht, Ihr Philosophinnen und Philosophen, die Nebel des Ungewissen in kühlem Urteil aufzulösen.
Es ist auch schön, das Gewicht des Körpers in den Füssen zu spüren, Dich selbst in der Berührung und im Widerstand einer körperlichen Arbeit.
Und das Fließen, Ein- und Ausatmen von Denken und Wollen im Gespräch.
So gehen wir und kommen. Kommen und gehen...
Frühjahrsdepression
Vor mir der Tage graue Strasse.
Der Himmel nasse Hoffnungslosigkeit.
Des Gestern aufgetürmte Masse,
leer geht das Heute in die Zeit.
Was ich erhoffte von der Morgensonne
Und wärmer trug im Abendlicht,
dass Freude unter Menschen wohne,
ich seh es nicht.
Christof,
ich sehe deine Kupferschmied-Ungetüme aus „unserer“ Zeit. Du lebtest dein, ich mein Leben. Der Wirt dieses Hauses kaufte und half dir zu einer schmalen Strecke Selbstbewußtsein. Schon lange bist du tot. Aber deine Kupfer-Reklame,- hast du vor Stolz vibriert oder verächtlich gelacht (wie gleichgültig es heute ist!)?- ,sie erwärmt meine Erinnerungen. Ich bin nicht mehr helfen wollender Partisan, nur ängstlicher Veteran mit zu großer Klappe. Dich hat eine große Sehnsucht an Heilung gehindert. Die Erinnerung an dich und andere wird mir die Sehnsucht warm halten. Das wäre doch was: wenn Du an meiner Stelle hier säßest und mit großer, großer Klappe für eine bessere Welt Kupferschmied und Genie-Reklame machen würdest.-
Körperformung durch Wickeltechnik
Die AZ vom 5.5.01 schreibt: „Der Morgennebel legt sich auf die Schafhäuser Felder und die Masten stehen stramm Spalier. Im Zwielicht scheint es, als fließe Strom direkt aus dem Himmel, um Rheinhessen mit Energie zu versorgen...Treibt eine Diebesbande aus Osteuropa wieder ihr Unwesen in der Alzeyer Region? Die Polizei vermutet, dass eine nächtliche Einbruchserie auf das Konto einer solchen Gruppierung geht.“
Jetzt ist es wieder gut gefüllt.
Autofahrer, dagegen, „stehen fassungslos an den Zapfsäulen“. Sprit 2,20 DM.
1.Mai 2001
Die Dichterin Hella Bausch und der Arbeitslosenvereinsarbeiter Toni Kopf, beide ein Leben der tapferen Solidarität am unteren Rand der Einkommensgesellschaft führend, hören am ersten Mai erstmals das Polizeiorchester spielen. Bisher war der katholische Posaunenchor Tradition, der-Gott sei Dank?- auch nicht die Internationale spielte. Aber in diesem Jahr gibt es selbst die „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ nicht mehr. Ich würde auch nicht mitsingen, denn verdi ist mir zu sehr Konzern, als dass ich neben Macht auch noch Solidarität hören könnte. Gehobene Klassik am Sektstand. Die Anstecknadeln haben in diesem Jahr etwas Glattes von Profi und Routine.
Das Verhältnis Volk zu Funktionären ist auf diesem Platz bei diesem herrlichen Wetterchen nun gänzlich zu Gunsten letzterer umgeschlagen, weil man wohl doch glaubt, dass überall die gleichen Betriebswirte bestimmen. Da hilft es nicht, dass die Worte etwas schärfer sind als in den Jahren der indirekten Rede. Etwas mehr starker Staat zur Regulierung und etwas mehr Solidarität. Schimpfe gegen den Edelkanzler, ein einziges -erstes- Spontanflugblatt eines Arbeitslosen macht die von Staunen erregte Runde. (Das mit den Arbeitslosen klingt doch sehr nach Wirtschaftsbossen. Macht das das vierschrötige Kanzleramt? Wer hat schon wieder die roten Dessous verschlampt? Bleibt nur die -etwas große- deutsche Unterhose? Das sind Streifen nicht schwer zu begreifen, sind wir doch alle nur , ob über oder unter Menschen: Menschen.)
Da sind: Innenminister, Landrat, Bürgermeister, Verbandsbürgermeister. Der Bürgermeister und frühere Lehrer (wer darf froh sein?) versucht Beifall für einen einsamen Monolog zu erhalten. Ohne Zweifel ein Sozialdemokrat. Aber Chef muß sein.
Der Wille zur Macht ist dem Röhrenblick eines panischen Philosophen zu verdanken. Auf ihn traf er zu, mit ihm wollte er den ihm minderwertigen Willen zum Leben des weisen Arthur Schopenhauer auf eine imposante Stufe stellen. So erfand er den Übermenschen, die Vorstufe zum Affen. Immer wird es Monologe geben und dagegen die Autonomie von Gesprächen, Mikrophone und dagegen den frischen Wechsel von Rede und Gegenrede in den Gesprächen des einander Zuhörens.
Ich bin aber auch immer unzufrieden. Auch ich wäre mit mir zufriedener, wenn ich zufriedener wäre. Ich erwarte mehr und immer noch mehr Achtung vor dem Einzelnen. Das kommt heute eher aus der Kirche, die über den Gedanken von der göttlichen Autonomie der Gläubigen Menschenwürde und Solidarität gelernt hat und deshalb von Sekten und scharfen In-Pressure-groups angefeindet wird, mit dem Ziel, sie in eine Zwingburg des Fühlens zurückzuverwandeln. Alle Herzlosen treten an, aus dem Seufzen vom Kreuz her einen Exorzismus gegen die Autonomie des Menschen zu machen. Aus dem Glauben an die Liebe ziehen sie Hass. Kinder ohrfeigen, Muttertag, Todesstrafe und Erleuchtung durch einen Herrn, der dies immer ablehnte, denn er wollte Freund, das ist: Bruder, sein.
Er sagte Caritas, sie wollten Charisma. Weil er nicht Übermensch, nur Mensch sein wollte, mußte er ans Kreuz.-
Was wohl der Millionär denkt, der da so lustig um die Erde fliegt? In Zeiten einer stolzen Republik wäre statt eines Finanzmanns ein Politiker der erste Gesandte im schwarzen Vakuum gewesen. (Gar eine Sozialhilfeempfängerin ist - warum wohl?- nicht denkbar.) Der Millionär freut sich über den erfüllten Lebenstraum und eifrig lächeln die Minister der StaatsGmbH und Co KG. Die Konkurrenz schabt sich. Ein warmes Gefühl der steuerlichen Absetzung und der Public Relation muß sich hier und nun aber unausweichlich mit dem Spott von Kosmonauten bekannt machen. Abschätziges Grinsen hinterm Helm, übler Scherz in fremder Sprache, Lachen. Er hat doch hoffentlich schon bezahlt, nicht dass etwa Steuerfahndung den Count-Down auf Konkurs stellt.
Auch er war Kind, sah den Himmel über sich. Oft war der andere einer Nobelkarosse dazwischen. Auch hörte er die Gesänge der Frühlingsvögel. Oder war es das Juxen von Hausdamen? Er mußte nicht mit anhören, wie sich die Alten über zu wenig Geld zum Leben(=X) stritten. In fernen Weltenräumen stritten sie wohl über zu wenig Geld für Y. Wollte er dorthin oder nur weg? Hoch über den Menschen sein? Das will auch manche/r Arme/r. Dieser/m würde es allerdings genügen, dort anzukommen, wohin zu stürzen sich jener „Tito“ fürchtet.
Die Erde von fern sehn: nach einer Stunde wird es langweilig. Es ist ja keine japanische Mondanschauungs-Party mit feinsten Nervenerzitterungen, sondern Verlust von Erde unter deinen Füßen und von menschenerfüllter Welt um dich herum. Du öffnest die Augen. Aber hinter dem Fenster geht keine Sonne über einem Meer von Leben, Stimmen, Farben, Sehnsüchten, Leiden und vielen kleinen spitzen Freudenschreien und Seufzern auf. Nur ein ins Nichts gleißendes Licht als einziges eintöniges Wort, das nur sagt, nichts antwortet. Wie viel Vorstellungskraft brauchst du, um über die fliegende Gefängnishaut hinaus zu fühlen? Stell dir vor: die Bild und Tonübertragung fällt aus.-
Auch uns ist die Einsamkeit bekannt, auch in liebevollen Zeiten. Wir verlieren sie, aber alsbald steigt sie aus guten Nächten wieder auf, Wolken der Depression regnen über Nebenhöhlen aus. Wer kann sich in einen Millionär versetzen, dessen schrecklichste Vorstellungen gleichbleibendes Einkommen und Finanzamt sind, wer in eine Unterstützungs-Abhängige, deren größtes Glück das Erreichen unseres Not- oder Ärgerstandes wäre? Wir alle sind von -für manche leider, leider- gleicher Bedeutung, die vom Standpunkt der Weisen einmal winzig, einmal ungeheuer ist. Laßt doch Alle den Anblick der Welt von Sojus aus genießen und mich vom Café‘-Tisch aus.
Die Physiker lauschen. Hast du auch schon das Echo des Urknalls gehört? Es soll kein hohes Wimmern, eher ein Wummern sein. Eine Art Ommmmh.
Wenn man seine Kinder in eine anthroposophische Schule schickt, ich sag dir: Eurhythmie!... In drei Leben von Äther-, Astral- und Ich-Leib meditieren hilft nicht immer so schnell wie Aspirin. Aber es gibt so ein leuchtendes Gefühl von Seelenformung durch Wickeltechnik.
Ein Wunder, das Leben erleben zu dürfen! Und erst, sich mit einer kritischen Vernunft aus den klammen Schlafsäcken nächtlicher Räusche zu wickeln...
Wandlung
Das esoterische Kathreinerle dreht meinem lange aus den Augen verlorenen Freund die Luft ab. Er glaubt, die Stimme Gottes zu sein.
Er war etwas ideologisch, sonst aber konsequent Anarchist. Wie viele andere Freie ging er sogar einmal soweit, einem Hakenkreuzheuchler zu helfen.
Ich war ja ein Verräter, zum Staat zu gehen. Eines Nachts nach Kneipe beschwor er mich, der Sache treu zu bleiben.
Wenn später autoritäres Pressen und die Feigheit der Unterwürfigen das Leben zu einer Tretmühle machten, erinnerte ich mich gern an ihn und seine Treue.
Er zog in den Osten. Man fürchtete, ihm würde etwas zustoßen: ein Anarcho unter Nazis... War es das menschenleere Schweigen dieser Wüste, das ihn in die Esoterik trieb?
Wenn ich von der Stimme Gottes höre, sehe ich ein Herz ersticken. Vielleicht kommt es wirklich nicht auf die Vielen an. Aber die wenigen Gerechten...
Würde ich glauben, ich betete zu Gott, ihn von der Einsamkeit zu befreien, die ihm so göttlich erscheinen.
Aber: Was hatten wir schon miteinander zu tun?
Unter Herren und Knechten glaubten wir Menschen.
Frühe Erinnerungen
Wieder denke ich an die Menschen, die aus den Türmen des WTC sprangen. Unsere Lieben, Freundschaften, Nachbarschaften, unsere Welt sind unter den keuchenden Bewegungen und oft brutalen Schlägen des Lebens nur selten tragfähiger als ein Spinnweb von Moral. Unsere Gedanken, unser Gedenken können den Mittelpunkt eines zerrissenen Gewebes nicht ersetzen. Es wird ein anderes, im Gedenken festeres Netz. Es hält uns in unseren paar Tagen noch etwas weiter. Du bist nicht ins Nichts gefallen. Deine Angst, dein Schrei nach uns schwingt in den zerrissenen Fäden nach. Wenn wir dann einmal unter einem hoffentlich weniger gräßlichen aber ebenso unaufhaltsamen Schnitt des Lebens fallen: ist es nicht jetzt schon ein Trost, daß das Netz sich weiter und weiter knüpft durch alle Räume der Zeit? Irgendwann wird das All einmal zusammenfallen, um sich neu zu entfalten. Was von uns da ist, wird auch dort wieder sein. Anders. Auch dort wird Grauen sein, aber auch Wunder. Ist es nicht das größte davon, das Netz der Liebe, im Baum des Lebens?
Ich weiß es nicht, aber es ist eine schöne Vorstellung.
Absturz
Mit dem PC gehen einige Dateien unter. Warum überhaupt schreiben?
Warum überhaupt leben? Wie wenn die Blüten sagten: " warum überhaupt blühn? " Was bleibt als eine Erinnerung, die selbst bald Staub ist? Schopenhauer hat schon recht. Es ist nichts als Wille zum Leben, sich noch im hintersten Winkel einer erinnerten Ahnung weitergetragen zu phantasieren . Und die Rückseite Todesfurcht, wirklich nicht einmal in einer Erinnerung zu sein, die mich meine Gefühle ausrufen läßt, das Kind sich in eine Baumrinde schnitzen, die Alten sich Kinder wünschen, Häuser errichten läßt. Besser, nie geboren zu sein? Nein! Es kann einmal angebracht sein, sich in die Schmerzlosigkeit zu flüchten. Aber auch die Selbstmörder wissen: das Leben ist nicht, weil es schön ist, schön, sondern weil es Leben ist...
*
Am Feldrand warten die Raben. Richten wir uns auf den Winter ein. Auf kalter Tage und dunkler Nachmittage Freuden duftender Erinnerungen. Eine davon heißt Bangla Desh von George Harrison.
Neben mir wächst es jung
Ich verstehe nicht. Dieses Lachen zwischen Verlangen und Heimweh nach Geborgenheit. Ich verstehe es und möchte trösten. Aber es ist nicht mehr meines. Mein Leben hängt als Tropfen an einem zitternden Zweig. Je nachdem, von welcher Seite du kommst, siehst du die Welt darin, ein Licht oder die Nacht. Du bist noch als aufsteigendes Verlangen in den Dunst der Wolken unterwegs, vom Wind des Willens hierhin und dorthin getrieben, von der Schwere einer Vergangenheit oder eines blinden Schicksals heruntergeschlagen, schon auf dem Weg in die unterirdischen Flüsse oder erst noch glücklich in der zweiten Chance eines sich auflösenden Tautropfens. Ich bin gefüllt und spüre schon wie Gewicht an mir zieht. Dieses Aufstreben und Suchen ist mir fern geworden. Aber ich sammle noch Licht, Nacht und Welt in mir. Freue mich auf Morgen -, Abendrot, Mond und Sonne. Wenn nicht ein Vogel an dem Zweig schüttelt, gehe ich vielleicht noch einmal den Weg zurück in die Wolken..
Wolf
Manche, die nicht Wolf sein können, wollen wenigstens Ratte sein. Hauptsache Raubtier. Menschen wollen oft nicht Mensch sein. Ich und Du als Werte erkennen, das scheint mir einer der Unterschiede zur Tierwelt zu sein. Das Tier liebt oder haßt. Werterkennung, Achtung, Gleichheit, Gleichwertigkeit der Person kann ein Tier nicht erkennen.
Wieder einmal spüre ich die Sorge um ein Kind wie den Druck von Nebel auf Lungenflügel. Teer auf meinen Federn. Ich muß durch das Gestrüpp alltäglicher Anforderungen gehen, um die Sorgen abzustreifen. Da lauert die Katze Depression.
Das Sonett vom Loslassen
Wie sich die Athmosphäre schwer
unsichtbar schlingt um Land und Meer,
die Erde antwortet mit Beben,
Furcht und Schrecken dringt ins Leben.
Wie zähen Schlaf der Mond aufwühlt,
im kranken Herz das Fieber quillt,
Wie Macht sich in die Freiheit preßt,
der Freund den armen Freund verläßt.
Wie Liebende von Sehnsucht bluten,
Eifersucht in Höllengluten,
Wie Todesangst ins Leben treibt,
Wut sich in Kerkerwände schreibt.
So zuckt mein Herz im Meer des Lebens:
Sie gehn, ich rufe mich vergebens.-
Start
Hinter dieser von Leben quellenden, brüllenden Stadtkulisse schieben sich schweigend riesige Wolkenberge aneinander vorbei, breitet schweigend sich der Himmel aus. Ein warmer Wind berührt deine Haut. In deiner Seele schlägt ruhig dein Herz. Du hast einen Streit hinter dir und das Gefühl, dass es noch weit ist bis zum nächsten. Einatmen.
Ausatmen. Deine Gedanken schütteln die Müdigkeit aus den Flügeln und steigen auf. Sie sehen weit über den Tag hinweg in einen Kindergarten oder auf ein Grab und kehren zurück.
Sonntag, 5. Mai 2019
Wir gehen durch Jahrtausende - aus 2001
Wir gehen durch tausend Jahre.
Wir trinken den Wein von tausend Jahren, als sei dieser Jahrgang ganz besonders besonders.
Wir streiten um die Vormacht von tausend Jahren, als wäre ein Sonnenstäubchen der Ewigkeit mehr als eine Ewigkeit.
Wir singen die Lieder von tausend Jahren wie die Ankündigung des ersten Frühlings und schreiben die Augenblicke von tausend Jahren wie Diamanten einzigartiger Seelen.
Wir lieben die Lieben von tausend Jahren wie ein Einziges.
Und tausend Jahre sind vor der Ewigkeit - nichts.
Aber was ist die Ewigkeit vor diesem einzigen grauen, glitzernden Jetzt?
Freitag, 3. Mai 2019
Aus 1998
Gildo Horn 11.5.
Der lockt die Mama hinterm Ofen vor.
Regale
öffne diene Achselhöhlen;
Mamas Märchenprinz
von metallischen Befehlen.
aus dem Slip ein Handy schießt
laserhart ins scall.
Der Tod hat diese Nacht geleast,
und der Bilanz im Desktop graut.
*
Schweigend gehen wir wieder an unseren Schreibtische.
steht vor der Aufzugs-Tür 3. 6. 98
Ein Spielzeugtraktor vor der Fahrstuhltür.