Montag, 19. März 2018

Bischof Watschn aus 2004


                Mit Bischof Watschn ins Nirvana
                                                         - aus 2004

Wie? Janosch will nicht mehr schreiben? Zwitschern die Vögel nicht mehr?
Schade.- Herr Popov kann auf Bäume fliegen! Eigentlich wollten wir und den Lehrer Birkenreisig vorknöpfen. Die Schüler sind groß. Auch er will ja von Stöckchen und Teppichklopfern nichts mehr wissen.

Na denn. Wir klopfen an der Tür zum Nirvana bei einer anderen „Heiligkeit“, dem Dalai Lama. Er lächelt ganz Avalokiteshwara, der Jesus unter den Buddhas, die keine Götter glauben. Ich glaube nicht Nirvana. Aber wo keine Nächstenliebe ist, ist Mitleid kein schlechter Ersatz. Der Teppichklopfer ruft zur Ordnung: “ Gott nicht anlügen!“

Wir gehen erst mal hinein und schauen uns um. Der Vater von Georg Glaser zieht den Gürtel aus und schlägt seinen Sohn blutig. Millionen von Söhnen erhalten Ohrwatschen, Kopfnüsse, Faust- und Stockschläge. Später sagen sie als Lehrer, Polizist, Priester, Richter, Vater und Arzt: „Ist doch nicht schlimm!“

Bischof Watschn sagt: „Sieh doch selber: das war doch ganz normal!“

Ein goldener Bischofsring glänzt unter dem Seufzen des Gekreuzigten. Der Metropolit von Kursk, der Imam von Ghom, der Priester von Nymwegen und der Hohepriester von Naharija schütteln den Kopf über so viel Scheinheiligkeit. Die Veilchen blühen in die Herbstzeitlosigkeit.

Ich frage nicht, wie wütend Du warst, wo Du jetzt so weise Fragen erörterst. Ich frage ja nicht, wieviel Gläubigen Du den Glauben ausgewatscht hast. Ich frage Dich, wie schlapp Dein Selbstbewußtsein ist, daß Du Mensch und Gott anlügen mußtest. Der Mißbrauch von Macht zur Demütigung der Menschen, Geschwister Jesu, ist doch nicht geringer als der Mißbrauch zur Befriedigung eines verbotenen Triebes.

Wieviel Ave Maria hast Du für die Watschn gebetet, wie viele für die Lüge? Ob Gott Dir noch etwas glaubt?

Das Nirvana zeigt sich als Trugbild aus den Wünschen einer Moral des Unmöglichen. Es löst sich auf, als der Weihrauch der Verehrung der heiligen Köpfe verfliegt. Es zeigt sich die Welt und Gott als Mensch. Er fragt: „ Warum liebst Du Deinen Nächsten so wenig?“ Watschn zieht den Bischofsring an und bietet Dir den Finger zum Kuß.

ich bin evangelisch, brauche aus keiner Kirche auszutreten. Wenn ich an die Prügelzeiten zurückdenke, habe ich keine Lust, nach Compostella zu wandern. Rom bebt unter den Unerschütterlichkeiten des Scheinheiligen. Gott wünscht sich ein Bißchen mehr Avalokiteshwara. Ob in Falten eine ehrliche Haut sich straffen kann? Oder ist Rom provinzselig geworden: Harte Schale, weiches Hirn?

      -Apropos Tibet: Es gibt ein Verbrechen an der Freiheit. Aber keinen „kulturellen Völkermord“.

Stock und Teppichklopfer jagen über die Frühlingswiesen der Erinnerung. Hilf Janosch, Weihrauch zu ertragen!

ca. 2004

Mittwoch, 16. August 2017

1983

Versuch Tagebuch zu führen 2.2.83

Anblick bei Neonazi- Diskussion in 1/83 

(Fried?)
Aufgeschwemmter, alternder Lebemann mit politischem Drang. In der im Verhältnis zur düster drohenden Mine dünnen Stimme ein Liebesgedicht von "deinem Schoß, deinem Schoß, deinem Schoß" vorgelesen.

Glaubt daran, auch Lumpen unter Neonazis überzeugen oder wenigstens desavouieren zu können. Bringt dies fauchend vor - gleichgültig über die Gefahr und den Ekel hinweg stürzend, welche deren Produktion hervor bringen.

Intellektueller mit falschem Pathos. Es dröhnt von nicht begreifendem Selbstbewusstsein.

7.2.83

Als ich das Donald Duck Gekreisch des Adolf Hitler höre und das Brausen der idiotisierten Masse, fällt mir ein, daß mit Musik alles besser geht.

9.2.83

"Die Weiber haben wenigstens Toiletten. Aber womit decken die Männer ihre Leere?" Karl Kraus

Sie versuchten es mit langen Haaren und Bärten, wodurch die Komponente Neandertal mehr in den Vordergrund trat. Nun scheren sie sich und strecken  der Welt den wahren Schafskopf entgegen. So sollte doch von Fall zu Fall die Frau entscheiden.

Bekenntnis 2017: Ich gehöre zum Typ 1

11.2.

All die Mühe, um einmal mit Recht vergessen zu sein.

12.2.

Die Schamlosigkeit, in der Öffentlichkeit Bild - Zeitung zu lesen. Er steckt ja nicht nur seine Dumm-heit, auch seine Geilheit vor.

*

Ob sie bloß Aussteiger oder nicht doch Aufsteiger sind?

18.2.

Jenseits von Gut und Böse tanzt sich Zarathustra den Eindruck Schopenhauers aus den Knochen. Er lacht die Welt aus, aus der ihm das Schweigen der Erkenntnis antwortet. Ein Epigone, der nicht mehr, sondern besser wissen will. Seitdem stürmen sie die Berge, das Meer unter sich zu sehen. Der so sportliche Wille zur Macht, der Drang nach oben, zeigt seinen Rücken, den die Angst vor der Tiefe schiebt.

20.2.

Jede der tausend Verdrießlichkeiten des Alltags wirkt stärker als die Angst vor dem Atomkrieg. Davon lebt die Politik in der Zwischenzeit.

1.3.

Aber der Weise erkennt auch hinter all der unbelebten Literatur den Willen zum Leben.

(Heute würde ich fragen, wer den wohl dieser Weise sei. Dann würde eher der Rechnungsprüfer aus mir sprechen und den Willen zum Leben in seiner speziellen literarischen Erscheinung als Willen zur vorteilhaften Verbindung auch so benennen. Schließlich würde ich all die unbelebte Literatur noch einmal daraufhin durchsehen, ob dem Blick des das richtige Weltbild verzweifelt suchenden Ideologen da nicht richtig gute Literatur entgangen ist.)

*

Zum Leidwesen des Staatsapparats will es der Technik nicht gelingen, aus Menschen viereckige Tomaten zu züchten, während es ein bleibendes Ärgernis des Liberalismus ist, daß Persönlichkeit keinen Anspruch auf Einräumen eines Steuerfreibetrags begründet.

(Ergänzung 2017: Man behilft sich derweilen mit der Kameraderie im Privileg).

*

Vermummungsverbot für Steuerhinterzieher? Wozu gibt es Datenschutz?

8.3.

Mens sana in corpore sano

Zu Deutsch: gesundem Geist entgegenzuwirken bedarf es eines vitalen Körpers. Nur ein gesunder Körper macht ein gesundes Volksempfinden.

10.3.

Er und sie

sein erotisierter Geist umspannt das All. Als sie sagt: "Ich liebe Dich", zerplatzt der Ballon. Wenn das Weltall leer ist, erscheint selbst das winzige Etwas von Strahlung des Atoms als gewaltig. Es ist eine Entfernung denkbar, aus der Atom und Sonne gleich groß erscheinen. Es hat allen Raum, ihr auszu-weichen, sie alle Zeit, es einzuatmen.

*

Ein Gigolo

angeblich soll auch ein Neutrino Masse haben, wiewohl noch kein Wissenschaftler an einem von ihnen etwas an die Fähigkeit, von Körpern angezogen zu werden, erinnerndes, bemerkt hat.

Ich vermute, daß es Neutrinos nur als Rechengröße gibt.

11.3.

Künstler für die SPD, Künstler für die Grünen.

Ich habe dennoch so gewählt, weil die Parteien auf die Künstler pfeifen. Die Grünen stehen noch phantasievoll da. Aber wie es der Egoismus will, werden Sie sich bald in einen Natur - und in einen Kulturzweig spalten, woselbst aus ersterem die Partei wieder in Persönlichkeiten, aus letzterem in lustige Gesellen mit melancholischer Note zerfallen wird. Der Rest wird in die Reformhäuser einge-gliedert.

Anm. 2017: Karriere war nicht voraus zu ahnen. Sie pfiffen nicht nur auf Künstler (die Grünen entle-digten sich –wie der Film zeigt - auf schäbige Weise Beuys), sondern auf die dort deutlichere Sensibilität.

*

Ein markantes Gesicht aus Beton.

*

12.3.

Wenn dem Wolf ein zivilisiertes Gesicht angezüchtet wird, entsteht die Dogge.

*

Ein Technokrat mit einer Naturburschenmentalität, der es auf ein paar Strahlen mehr oder weniger nicht ankommt.

13.3.

Die anarchistische Jugend versteht doch etwas ganz anderes unter persönlicher Freiheit als ihre liberalen Alten: die wollen sich vom Finanzamt nicht ins Einkommen gucken lassen, jene nicht von Amt für Ausbildungsförderung. Beide verbitten sich die Einmischung des Staates in seine Finanzangelegenheiten.

*

Aus einer Physiognomie ein Antlitz oder eine Visage schnitzen.

***

Hier enden die Einträge. Die Tätigkeit des Schnitzens hinterlässt manchmal doch auch Schnitzer und Schmarren. Insbesondere, wenn im Rausch der Ichentwicklung noch allerlei Ideologie und Grundsatz die Hand führt. Das ist wohl manchmal mit Langeweile oder seltsamem Beigeschmack zu lesen. Aber so waren wir und so sind wohl unsere Nachfolger. Es hat seine schönen Seiten nicht nur gehabt. Und die Abgehobenheit des Alters muß nicht Siegel der Weisheit sein. Das wird wohl eher bei der Narrheit des Alters zu finden sein. Welche dann das zutreffende zu ihrer Wichtigkeit sagen und pfeifen wird.

Dokumentiert für Nachleser und als Ermunterung für Selbstdenker auf der Suche.

Freitag, 11. August 2017

Bereinigtes aus den 80ern

Ein Mitleid, das hilft, wenn das Opfer sich durch Charakter legitimiert!

Dem Leiden stecken sich ohnedies nur wenige Hände entgegen. Es wage nicht die Bitte, über die bare Existenz hinaus am Leben auch noch teilzunehmen. Es verwende das gleiche Parfüm von Kultur und zeige nicht, das es die höhere Zivilisationsstufe von Bierfusel und Weindusel nicht riechen kann. Intellektuellen gegenüber treffe sein Angstschrei den rechten weltanschaulichen, zu Zwecken der Lyrik verwendbaren Ton. Die Nase ist das dem Herzen gegenüber höher entwickelte Organ.
Reue und Verbrechen
anlässlich Bericht der FR 20.3.87 zum Euthanasie - Prozess des Dr. Ullrich

Das Widerwärtige ist nicht, das ein von Strafe bedrohter Lebenswille die abseitigen und übelsten Argumente zur Verteidigung nutzt und Barmherzigkeit lügt, sondern, daß er nicht bereut. Aber Reue nimmt ja freiwillig und- im achtenswertesten Fall- die Strafe gerne auf sich. Strafe hat den Sinn, den Triumph des Verbrechers angesichts des Leidens aufzuheben - allerdings durch Leiden. Das ist die Gemeinschaft den Opfern schuldig, doe sie nicht schützen konnte.

Der gewöhnliche Verbrecher kann als entschuldigende Grundlage seiner Tat nur den Aspekt der eigenen Notlage vorbringen, sei es innerer Zwang, sei es äußerer Mangel. Je nach Größe der Zwangslage kann dann im Sinne der Opfer straffe vermindert oder verschärft werden. Damit müssen Opfer oder Angehörige dann leben. Bei Nazi - Verbrechen ist es in der Regel so, das die Notlage auf Seiten des Täters darin bestand, sich bei der Wahl zwischen Gehorsam und Verweigerung, also zwischen Wohlbefinden und geringfügigen Nachteilen, sich für die Karriere entschieden haben. Die strafverschärfende Motivation wird leider nur von den Opfern und den Angehörigen wie wenigen Beobachtern regelmäßig erlangt. Die solcherart mangelhafte Fähigkeit der Gesellschaft zu ethischem Urteil ist hinzunehmen und der insgesamt kläglichen Beschaffenheit des Lebens selbst zuzuschlagen.

Von Rache unterscheidet sich Strafe insofern als sie das Leiden, das sie verhängt an der Größe des Leidens orientiert, das die Tat dem Opfer zufügte, insofern als es Rechte gegenüber Menschen hatte. Rache geht darüber hinaus, indem sie auch leiden verfolgt, das nicht der Tat zuzurechnen oder dem Opfer selbst geschehen ist. Ihr Ziel ist nicht Aufhebung des Verbrechens, sondern Leiden des Verbrechers.

Opfer, Angehörige und der von Abscheu bewegte Betrachter erwarten, über die Bestrafung der Tat hinaus die Abkehr des Täters von der Tat. Strafe u.U. d Rache sind nicht zu solcher Wirkung fähig: der Schuldige wird dadurch zur Furcht vor den Verfolgern, nicht zu reuigem Mitleid bewegt.
*
Todesstrafe
"Es ist etwas in meiner Hand, das sich weigert, ein Todesurteil zu unterschreiben. "  Charles II. von England.
Während in den Händen manches aufgeklärten Staatsoberhaupts häufig etwas ist,  das sich weigert, eine Begnadigung zu unterschreiben.
*
Über Feigheit

Mut ist, wie Schopenhauer bemerkt, keine Eigenschaft von moralischer Qualität. Die Überwindung der( berechtigten) Furcht durch ein die Zwecke der Selbsterhaltung verdrängendes Motiv ist aber im Gegensatz zu Schopenhauers Deutungsversuch nicht schon wegen der Verachtung des Lebenswillens auch der Achtung wert. Ob Mut moralisch oder verächtlich ist, hängt allein von der Qualität des Motives ab, die ihn hervorbringt.

So kann der Selbsterhaltungswille sowohl durch ein Motiv überwunden werden, das sich aus der Hoffnung auf einen sadistischen Genuss für einen niederträchtigen, als auch durch ein anderes, das sich aus dem Anblick eines Leidens für einen barmherzigen Charakter ergibt. Ob der Mut sich dagegen anlässlich einer verzweifelten oder einer hoffnungsvollen Situation zeigt, hat Bedeutung nur hinsichtlich seiner Größe ( im Verhältnis zur überwundenen Angst), nicht hinsichtlich seiner moralischen Qualität. Es gibt großen Mut in menschlichen wie in bestialischen  Angelegenheiten.

Ebenso kann Feigheit in moralischen Dingen keine Schuld wie in niederträchtigen keine moralische Achtung begründen. Wo etwa der Selbsterhaltungstrieb über das Mitleid siegt, ist das Handeln nicht der Achtung würdig.

Da Selbsterhaltung Grundlage des Lebenswillens ist, richtet sich die Verachtung der Feigheit gegen das Leben, den Menschen überhaupt. Der Einzelne muß aber nur insofern, nicht für die spezielle Tat, sondern für sein Menschsein überhaupt die Verachtung annehmen. Und für das Tun oder Unterlassen mag er strafrechtlich - von der Tat her - verantwortlich sein. Moralisch, im Feld der Motive, ist die Schuld unmöglich zu ermessen. Daß er "so einer ist", oder war, z.b. überhaupt fähig war, böse zu wollen, nicht zu bereuen, ist das, was wir nicht begreifen, weder bejubeln noch verachten können. Wir verachten und bestrafen aber, dass er dieses Wollen umgesetzt, sich vom auch-Mensch-sein abgewendet hat.

Schwieriges, nie abgeschlossenes Metier, am Einzelfall stets neu zu verhandeln. (Nachsatz 40 Jahre später)

Dienstag, 8. August 2017

Wege sanieren

Ich betrachte Texte der 80er, zum Teil sind sie noch älter.

Ich finde Wahrheiten des Verstehen und Herausfinden-Wollens, heldenhaft erzürntes Pathos, Talent. Den allergrößten Teil werfe ich weg, lasse die Erinnerung am Vergessen arbeiten.

Ja! Meinen Weg ging ich suchend, im Wunsch gerecht zu sein, zu helfen, es richtig zu tun. Ich hatte Erfolg, nicht Ruhm. Ich erlebte Glück.

Dem Leiden versuchte ich eine Stimme zu geben. Jetzt habe ich selbst davon, ohne davon reden zu können. Aber für das, was ich hatte, danke ich.

Warum nicht dokumentierten? ich möchte schon von den schönen, erhabenen, schlimmen und gefährlichen Plätzen berichten und singen, zu denen mich mein Weg führte. Andere kamen auf anderen Wegen zu den gleichen Plätzen oder zu schöneren pp. Wer einmal nachschauen wollte, wo ich war und wie es mir erging, sollte auf dem Weg zu solchen Plätzen lieber nicht vom eigenen Weg abweichen. Die vielen kleinen Irrwege, Gartenpfade nicht weniger voll Schlamm, Dornen aber auch schönen Panoramen pp, unterscheiden sich zu wenig unter uns Wanderern, als dass man auf das Erlebnis eigener innerer Landschaft zugunsten des Nachlebens einer anderen verzichten sollte. Lieber vom eigenen enttäuscht als vom anderen erhoben und vom eigenen enttäuscht. Mein Rat: Hänge deinen eigenen Knüppel statt einen Feinstrich von Picasso auf. Aber besuche diesen in einem guten Museum.

Und mich besuche in meinem Blog, wo ich selbst schon ausgewählt habe und weiter vor allem auch lösche.

Ich schreibe zu viel als daß ich viel von anderen lesen könnte. Das wenige hat mir gezeigt, daß es viel Gutes auch bei anderen gibt, das sich zu erkunden und aufzubewahren lohnt. In Kindheit und Jugend habe ich vor allem die Luft in der Stadtbücherei eingesogen, später las ich Phantastisches, politische Literatur. Dann mehr und mehr. Dann: Wie gut, daß es eine Schopenhauer -, eine Jean - Paul - Gesellschaft gab. Wie gut, das der Verlag 2001 Karl Kraus nachdruckte. All die verschlungenen Pfade von Suchern, Liebenden, die man nachgehen konnte, wenn man etwas aus dem eigenen Inneren deutlicher, schöner gesagt hören wollte. Es sagte: geh den eigenen Weg! Und: Suche!

Und ich ging durch eigenes Dickicht. Und es war und ist schön und unschön, aber selbst. Mag der Wind meine Spur verwehen, ich selbst helfe nach. Was sichtbar bleibt, möge den Aufwand des Interesses lohnen. Wenn nicht: ich habe mein bestes getan, dies zu ersparen. Und auch Enttäuschung lohnt als Angebot zu eigenem Leben.

Ich war jung. Die neuen Jungen, soweit sie kritische Vernunft bevorzugen, schreiben so pathetisch und energisch wie ich damals. Ich entsorge ähnliches. Aber ich finde, solcher Rausch hält die Sehnsucht nach allem, was den Menschen liebenswert macht, also Menschlichkeit, am Leben. Mein weiser Kopf lächelt. Eine Alterserscheinung. Auch sie herzlich nötig.

8.8.17

Mittwoch, 26. Juli 2017

Für Pippi Langstrumpf vor 1990

für Pippi Langstrumpf

Aus Deinen Zöpfen sprüht es Unfug;
Du lachst und Allmacht fällt in Ohnmacht;
Wenn Deine Füße durch die Ordnung hüpfen,
Zerspringt der Ernst in himmlischem Vergnügen.

Wo Du der Bravheit folgst, stürzt sie in Sahnetorten,
Wo Größe brüllt,  bohrst Du in Deiner Nase Frieden

Dir wackeln alle Zehen Freude,
Aus tausend Scherben huldigt Dir die Welt.
Und was ein Herz hat, glüht in Deinem Blinzeln,
Du Teufelslieblingskönigin von Taka-Tuka.

Reinheit und Rache



1989 schrieb ich meinen Freunden über vorschnelle Gnade gegenüber Völkermördern einen scharf überlegten scharfen Aufsatz.
Eine neue Generation macht sich daran, die Herrschaft über die ethischen Grundsätze nach ihrem Vorstellungen richtig zu definieren. Es läuft ordentlich Ego ein.
Ich versuche statt Teilnahme an neuen alten Debatten jetzt einmal meinem jungen Text gegenüber den Standpunkt des Alters einzunehmen. Das Ergebnis ist bei etwas mehr Sicherheit der Kenntnis mehr Unsicherheit im Urteilen durch Erleben. Auch dazu ist den Opfern die Möglichkeit genommen.
*
Reinheit und Rache sind für gewöhnlich die Rechtfertigungen für Unrecht, Grausamkeit und Unmenschlichkeit. So tief ist das Geheimnis von Erfolgen wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder "Rambo" und "Dirty Harry" eigentlich nicht und ich wundere mich, wie ich glauben konnte, in Clint Eastwood einen Menschenfreund vor mir zu haben.
Das Recht versucht in der Regel demgegenüber der Person gerecht zu werden, auch der Person, die durch eine Tat eine Strafe erwirkt hat.
Ich versuchte der Person des Opfers gerecht zu werden. Wo Täter Angehörige und Nachbarn sich in weitläufigen christlichen Erörterungen der göttlichen Gnade ergingen, den Opfern und ihren Angehörigen damit das einzig verbliebene Recht aus der Hand nahmen, versuchte ich gerecht zu bleiben und es zurückzugeben.
Der Massenmörder X aus Japan, der grausame Schlächtereien in China und dem übrigen Asien anordnete, war die Waffe aus der Hand zu winden, mit der er sich aus der Verantwortung stehlen wollte. Und soweit ein Opfer noch fähig war, dem Impuls der Rache zu widerstehen, war der Täter doch nach dem vollen Inhalt des Gesetzes zu strafen!
*
Inzwischen stehe ich meinem Text, meiner Gnadenlosigkeit von damals mit bedenklichem Kopfwackeln gegenüber.
Der Täter von damals ist heute ein Anderer. Man beurteilt ja nicht nur die Tat, sondern auch die ausführende und nun ihrer Macht beraubte Persönlichkeit des Täters. Vielleicht ist sogar der äußerst seltene Fall eingetreten, daß zur Angst noch Reue hinzu tritt.
Aber: Das Opfer von damals ist tot und hat keine Gelegenheit dem Veränderten unverändert oder selbst verändert gegenüber zu treten. Und selbst in den seltenen Fällen des Überlebens fordert das Bleibende, der Schmerz, nach Rücknahme des Triumphs, der in der Tat als Genuß, Vorteil, Gewinn den Täter lockte.
Der Du urteilst: das Urteil steht Dir so wenig zu wie die Verzeihung.
Deine Aufgabe bleibt, dem Opfer zu seinem Recht auf Rücknahme des Triumphs zu verhelfen. Die Grenzen für Rache und Bedürfnis nach einer vom Bösen reinen Welt haben die Recht setzenden Bürger hoffentlich schon lange vorher in Zeiten des Friedens richtig gesetzt. Aber ich befürchte, solange die Unmenschlichkeit immer wieder einmal zur Herrschaft drängt, wird für kühles Abwägen nicht ausreichend Zeit und Raum bleiben.
Bis dahin sollte man den einen Umstand nicht vergessen, daß das Recht nur einem die Gnadenentscheidung einräumt: dem Betroffenen. Vielleicht noch dem direkt Hinterbliebenen. Dem nicht Betroffenen steht es nicht zu, die Tat in einer übergriffigen Gnadenentscheidung zu wiederholen und den Schmerz um die glotzende Gleichgültigkeit zu erhöhen. Selbst der gnädigste unter den Religionsstiftern, Jesus Christus, konnte dem keine übermenschliche Erlösung in der Barmherzigkeit versprechen, der nicht Reue zeigte.

Insofern kann ich von meinem 89er Text nicht abrücken. Wohl von dem Tonfall, in dem ich heute etwas viel von ideologischer Reinheit vernehme.

"Was ist so schäbig an der schäbigsten Entschuldigung der Reuelosen, daß auch Ihr nicht anders gehandelt hättet? Nicht Ihr seid, sondern sie waren Täter, Bejubler und Profiteure von Tätern. Wo sie nicht bereuen, wo Opfer eine eventuelle Reue nicht annehmen können, weil sie den der Toten zu respektieren haben, ist Entschuldigung Ausrede, Bestätigung des Verbrechens. Außerdem aber der schamlose Versuch, die nicht schuldig gewordenen durch Anbiederung auf ihre Seite zu ziehen, schuldig zu machen der Entscheidung anstelle der Opfer. Niemand als sie hat das letzte Recht der Gnadenentscheidung. Wer ihnen dieses zu nehmen versucht, bestätigt den Triumph der Tat über das Gewissen, jene letzte Barriere gegen die Unmenschlichkeit.
Wir sind nicht so, wie sie uns unterschieben wollten. Und ob wir je so handeln werden und gar so ohne jede Reue, das muß sich erst zeigen! Dazu werden wir es eben nicht auf sich beruhen lassen und unser Wollen, unsere Taten an ihren Taten prüfen. Sonst wären wir, wie sie uns haben wollen: wie sie.
"Ärzte im Dritten Reich" von Robert Lifton: Dort gab es alle Sorten Charaktere, aber auch zwischen dem "moralischen" Täter und dem Verräter (den es ebenso als Ausnahme gab wie jenen) den alles entscheidenden Unterschied der Tat, welcher der Täter sich entziehen kann, sei er danach auch Opfer. Dieses ist ihr aber selbst dann, wenn es sich zum Verrat entschließt, noch unterworfen. Nur wer nicht sehen will, kann sich seiner selbst sicher sein - die Täter sind es bis heute. Ob wir selbst Täter sein können oder gar einmal werden, wissen wir nicht. Wohl aber, daß wir es nicht sein wollen. Ganz anders als jene, welche eben Täter sein wollten, was sie durch den Mangel jeder Reue beweisen.
Ich habe mit manchem zu tun, durch den ein höherer Wille durchrutscht wie durch einen SS- Automaten, von dem er ins pöbelhafte gedreht wird, wie durch einen Gauleiter oder brutalisiert wie durch einen SA- Stiefel. Man darf seine Aufmerksamkeit daher nicht nur auf das Gewollte beschränken. Auch der Ausführende kann gefährlich sein.
Das Leben bleibt eine missliche Sache, die mit Nachdenken nicht zu ändern, nur zu begreifen ist. Und so finden wie die Egoisten auch die Gerechten und die es sein wollen stets den gleichen Ärger: nicht zur Ruhe kommen zu können. Was bleibt, als dies anzunehmen und den Pessimismus nicht abzuweisen, um von den Widerwärtigkeiten des Lebens nicht allzusehr verletzt zu werden."
*
Wer richtet hat auch das Problem des Henkers. Die Schwierigkeit, dadurch dem Täter nahe zu kommen. Reinheit und Rache haben damit kein Problem.

Aber das letzte Wort bleibt dem und der von der Tat getroffenen.

Klaus Wachowski 1.1.89 -nachgesehen 7/2017

Ehrung eines Großen



Causa prima
                    Waldheimehrung: 1986 Österreichs Bundespräsident

Ein Zug von Männern‚ Fraun und Kindern
rollt aus dem Bahnhof Saloniki aus,
ein Leutnant fuhrt auf Studien in die Heimat.

Dort rollt das Grauen‚ hier die Karriere
und fern von Tränen blutig lockt die Chance.

Du siehst vor Österreichern nicht den Rauch von Birkenau,
die Leichen nicht vor Landsleuten und Kameraden;
ist doch das Damals nicht mit heute zu vergleichen:
Wer damals diente‚ wird jetzt respektiert.

Ein rein Gewissen strahlt nun über Österreich;
vor Massengräbern spricht es frei von Schuld,
ruft Euch zu Richtern auf, wo andre litten Taten
und von der Abscheu fordert es Versöhnung.

Ihm blieb nichts als dabei zu sein,
so bleibt ihm nichts als nicht zu weichen.
Und Ihr vergebt.- Blut rauscht in Gruben
vor einer Ehre unerhört.

Die hat ihr Vaterland gefunden,
und nicht zu hören ist der Fluch von Auschwitz her, 
der stiller Ehrung sonniger Karriere gilt.

Ihr habt gewählt, ich seh es ohne Illusionen:
Dies Selbstbewußtsein weicht nicht vor dem Grauen.


Was Macht erhielt soll auch Respekt behalten:
mit neuer Kraft gilt es die Zukunft zu gestalten.

Klaus Wachowski  vmtl  86